Die Zeitung und Ihre Leser


An Stelle eines langweiligen Vorwortes

I.

Was wäre die Zeitung ohne Ihre Leser? Ein Gespenst, ein Nichts, ein Unding, ein Messer ohne Heft, dem die Klinge fehlt. Ihre Belehrungen, Beschwörungen, Ihre Rufe und Trompetenstöße, ihre großartigen Nachrichten und Neuigkeiten, Ihre Begeisterung und ihr Fluch, Empfehlungen und Warnungen -- das alles ginge in die leere Luft und wäre komplette Narretei.

Ohne Leser gliche die Zeitung der prachtvollen, aber etwas närrischen Mynheer Peeperkorn aus dem "Zauberberg", der am Fuße eines donnernd niederstürzenden Wasserfalls eine große Rede hält voll Leidenschaft und Exaktheit, voll grandioser Gestikulation und abgründigem Geheimnis, und dessen Rede kein Mensch vernimmt, weil die Ohren überbraust sind von dem gleichmäßigen und betäubenden Donner des Wassersturzes.

Ein goldener Ring ohne Gold, ein hölzerner Tisch ohne Holz, eine Flamme ohne Feuer, eine Stimme ohne Echo -- das alles wäre die Zeitung ohne Leser. Ein besonnener Körper ohne Schatten wäre sie. Mit einem Wort: ein Schlemihl.

II.

Hat man euch, geliebte Leser, damit genug geschmeichelt, mit all diesen Vergleichen und gefährlichen Feststellungen? Gut. Drehen wir den Spieß um. Was wäret ihr ohne sie? Was wäre der Mensch ohne Zeitung?

Um es gleich zu sagen: ein Hinterwäldler, ein völlig Verlassener, ein einsames Sandkorn am Strand des Geschehens, eine Eremit im Walde der Vergessenheit, ein unheimliches Wesen ohne Bindung und Gemeinsamkeit, ein Mann, der sich das Trommelfell durchbohrt, um besser hören zu können, ein knurriger Kauz.

Der Mensch ohne Zeitung, das ist so: Blitze zucken über ihm, er sieht sie nicht. Wetter hallen um ihn, er hört sie nicht. Gerüche umfliegen ihn, er riecht Sie nicht, und Genüsse liegen dicht auf seiner Zunge, er schmeckt sie nicht.

Denn, wie jede Waffe zuletzt nichts anderes ist, als die Verlängerung der packenden und zuschlagenden Faust, so ist die Zeitung, um es auf eine Formel zu bringen, die zauberhafte Intensivierung und magische Erweiterung der Sinne.

In Indien geschieht ein Bergsturz. Siehst du ihn, lieber Mitmensch? Nein. Aber die Zeitung sieht ihn. Der Aetna bricht aus und Messina stürzt im Erdbeben zusammen. Siehst du die weißen Feuer der Lava, hörst du das Krachen, Schmettern und Gebrüll der sterbenden Stadt? Nein. Aber die Zeitung sieht und hört. Am Rhein steigen die Wasser und überfluten das Land, deines Bruders Haus versinkt bis zum Giebel, weißt du etwas davon? Nein. Aber die Zeitung weiß es. Es ist Krieg und dein Vater steht im Kampf. Weißt du, ob er noch lebt oder schon tot ist? Nein. Aber die Verlustliste der Zeitung weiß Bescheid. In Ostpreußen geschieht ein Eisenbahnunglück. Deine Schwester saß in dem Zug nach Königsberg. Hast du etwas von dem Zusammenprall gesehen, weißt du etwas über das Schicksal deiner Schwester? Nichts weißt du, ein armseliges, geängstetes Menschenkind bist du. Aber schon eine Stunde nach dem Unglück sagen dir Depeschenraum und Extrablatt der Zeitung, daß deine Schwester nicht unter den Toten ist.

Und die Börse, der Handel, die Preise, die Mode, der Sport, die Politik, der Stadtklatsch, die geschlossenen und aufgehobenen Verlobungen, die Hochzeiten und Scheidungen, die Steuern, die Konkurse, Kunst, Handwerk, Theater, die Erfindungen der Wissenschaft, das Martyrium und der Triumph der Entdecker -- was weißt du davon ohne die Zeitung? Nichts weißt du, gar nichts weißt du. Die Zeitung aber weiß alles, sieht alles, hört alles.

Die Zeitung ist ein papiernes Fabeltier, dessen Körper nur aus Augen und Ohren besteht. Zehntausend Ohren und hunderttausend Augen. Ihre langen Teleskop-Augen, für die jede Entfernung schwindet, schauen zu gleicher Zeit in das Gewühl der Börsen von Berlin, Neuyork, Wien, Tokio und London und fixieren aufmerksam die Indianertänze der Makler an den Börsenschranken, ihre riesigen, mit Ohren besetzten Tentakeln schieben sich in die Parlamentssitzungen der Weltkapitalen, wo sich das Schicksal von Völkern entscheidet, ihre stets wachen Sinne nehmen das irrsinnig bunte Kaleidoskop des Lebens getreulich aus. -- Wofür, für wen?

Für dich, getreuester Leser und Zeitgenosse! Nur für dich.

Du legst das augen- und ohrengespickte Fell des Fabeltieres vor dich hin, und im Nu bist du selbst in den Argus der Mythologie verwandelt. Ein Zauber rührt dich an, Ohr und Aug' wird dir entsiegelt, du schaust von Pol zu Pol, rasest rings um den Aequator, alles Geschehen ist vor dir ausgebreitet, wie Mephistos Zaubermantel trägt dich das papierne Tier.

Ist das nicht ein Wunder, ist das nicht Zauberei? Durch das magische Instrument der Zeitung erkennst du jeden Tag das Getriebe der Welt, ihre Lust und ihr Entsetzen, ihre Blüten und ihre Ränke, ihren Zorn, Haß und Liebe.

Die ins Ungeheuerliche geweiteten Sinne der Zeitung sind nur dazu da, deine eigenen Sinne ins Grenzenlose zu erweitern und zu schärfen.

Resumieren wir. Was ist die Zeitung ohne den Leser? Ein Gespenst, ein Nichts, ein Ding ohne Schatten -- ein Schlemihl.

Was aber ist der Mensch ohne Zeitung? Eine Lächerlichkeit, ein Hinterwäldler, ein Pfahlbürger und eine schwarze Pfahlmuschel, angeklebt an ihren Pfosten mitten im Meer. Die ewige See rollt über sie hin mit tausend Wundern und zehntausend Schönheiten, die Pfahlmuschel aber weiß von nichts und klebt.

So ist das mit der Zeitung und ihrem Leser. Wir sind quitt.

III.

Bei so starkem Aufeinander-Angewiesensein sollte man denken, müßte sich zwischen Leser und Zeitung ein höchst delikates, höchst inniges und sehr ehrfurchtsvolles Verhältnis gebildet haben. Wie ist es damit?

Ach, das ist ein närrisches, ein groteskes, ein ganz und gar humoristisches Kapitel. Nur ein großer Psychologe, nur ein ganz tiefer Ironiker wäre fähig, die Komödie dieser Ehe zu schreiben. Ehe? Jawohl, und sogar eine, die nicht nur im Standesamt der Vernunft geschlossen ist, sondern ein bißchen auch im Himmel der Zärtlichkeit. Sagt man nicht „meine" Zeitung, wie man sagt, meine Frau? Rühmt man nicht ihre Vorzüge und bemäkelt ihre Nachteile, wie man unter vertrauten Freunden Vorzüge und Nachteile der Gattin darstellt? Nur Fremden gegenüber nimmt man auch ihre Fehler in Schutz. Was gehen den Fremden häusliche, intimste Dinge an?

Und diese kleinen zärtlich-knurrigen Austritte in dieser Ehe! Du fingerst ein wenig nervös aus dem Tischtuch des Frühstückstisches herum: „Ist die Zeitung noch nicht da?!" Das Dienstmädchen beteuert, sie sei noch nicht da. „Schauen Sie noch einmal in den Briefkasten . . . vielleicht liegt sie auf der Treppe!" Nichts, nichts. „Was ist denn da wieder los . . . wo bleibt denn das Käsblatt?!"

Dieser Unwille, dieses schwache Poltern demaskieren dich und dein seelisches Verhältnis zur Zeitung. Denn Angst schwingt in diesem Poltern und das Bangen um die Unentbehrliche verkriecht sich schamhast hinter forsche Derbheit. So, in diesem ängftlich-forfchen Ton, pfeift man einen Gassenhauer, wenn einen vor dem Alleinsein im dunklen Zimmer gruselt. Und schließlich. ist es nicht gruselig, wenn eines Morgens das Alltägliche nicht mehr alltäglich ist, wenn das scheinbar Leblose eigenen Willen entfaltet und selbständig über die Zeit verfügt? Die Welt wackelt in ihren Fugen und, wie Meister Anton, verstehst du diese Welt nicht mehr. Gesteh' dir nur: du hast Angst, Angst mit zärtlichem Ingrimm vermischt. Mit liebebereitem Herzen sitzest du da, und sie, die Treulose, versäumt das Rendezvous.

Aber siehe, da kommt sie! Schmal, elegant, mit unversehrten Falzen, mit leisem Knistern breitet sie sich gelassen, als wäre nichts geschehen, vor deine Augen, noch jenen Duft aus den Blättern, der --

Aber nein, dieser Duft ist nicht mit einem simplen Relativsatz abzumachen. Coty und Houbigant, die großen Meister der Wohlgerüche, sind armselige Pfuscher gegen den Geruch der frisch gedruckten Zeitung. Ist Sie nicht gesalbt mit allen Ölen und Teeren und allen Essenzen der Technik, bricht nicht der wilde Blutgeruch des Meeres aus ihrem Leib, steigt nicht von ihr aus der erregende Sehnsuchtbefeuernde Qualm der großen Bahnhöfe, gemischt aus Kohlenrauch und heißem Öl (jener Qualm, den man nicht riecht, ohne an ferne Erdteile zu denken), schlägt dir nicht der scharfe Ozongeruch des elektrischen Funkens entgegen, beißen dir nicht die geheimnisvollen Säuren der riesigen Batterien, die in den dünnen Kupferdrähten die Depeschen hin und her jagen, in die Nase -- kurzum, riechst du nicht an deiner Zeitung den prachtvollen, heißen Tumult deiner Zeit, ihre Schiffe und Lokomotiven, ihre Funktürme und Hochöfen, ihre Aeroplane und Luftschiffe, ihre Untergrundbahnen, Dynamos und Turbinen?

Du krausest die Nase und blähst gleichzeitig die Nüstern bei diesem Geruch. Und kämst du nach Jahren von einer wüsten Insel zurück und röchest mit geschlossenen Augen die erste frischgedruckte Zeitung, sofort stiege hinter deinen geschlossenen Lidern die Vision dieser verfluchten, klirrenden und grandiosen Zeit empor, von der die Dichter behaupten, sie sei seelenlos, und die mehr Seele besitzt, eine härtere, geschmiedetere, biegsamere Seele, als alle Lyrikbände dieser Dichter zusammengenommen.

Eine solche Bewandtnis hat es mit dem penetranten Geruch der Zeitung.

Aber wir sprachen ja von deiner Ehe mit ihr, und den komplizierten Strindberg-Gefühlen, die dich an sie binden. In dieser Ehe bist du, versteht sich, der Mann. Der Befehlende, Herrschende, Hochfahrende, der Tyrann. Wehe der papierenen Gattin, wenn Sie eine Notiz trägt, die dich ärgert! Mit knallendem Handteller schlägst du darauf, daß Zuckerdose und Teekanne taumeln, und die Mißhandelte laut raschelnd sich bäumt.

Weißt du, Teuerster, daß du ein Wunder schlugst? Ein Wunder, ohne das du nicht zwei Tage leben kannst, ohne nervös zu werden?

Aber ach, jede Ehe ist ein solches Wunder, dessen Rätsel durch sein tägliches Auftreten zwar nicht gelöst wird, aber an Wunderkraft einbüßt. Das Wunder der Zeitung entartet durch seine Alltäglichkeit. Und trotzdem reißest du ihre Meldungen und Nachrichten täglich in dich hinein mit fressender Gier, und wenn du dir einmal einen Spiegel vorhalten läßt, während du die Zeitung überfliegst, wirst du Gesicht und Augen eines Menschen sehen, der nichts ist als -- ängstliche Gier. Dieser Mensch will wissen, ob die Welt noch steht, ob sie noch so gefestigt ist, daß die Arbeit des kommenden Tages verlohnt, ob da und dort etwas geschah, das seinen persönlichen Lebens- und Interessenkreis schneidet, ob hier einer dumm war und dort einer klug, und ob Dummheit und Klugheit der andern nicht vielleicht zu seinem eigenen Vorteil ausschlagen können.

Festgeschmiedet bist du an die Zeitung; an die Stumme, die mit tausend Zungen redet, an das blinde Papier, das mit zehntausend Augen für dich Ausschau hielt, an die wortlos Dienende, die dich führt und dein Herz beherrscht. Du magst sie loben oder tadeln, sie bemäkeln oder rühmen -- sie beherrscht dich, sie ist mit tausend Wurzeln und Würzelchen in dir verhaftet. (Und wenn man es recht bedenkt, lieber Leser, so hat in Wirklichkeit s i e die Hosen an. Auch in dieser Ehe. Da ist nichts zu machen.)

Aber ihr Joch ist mild, sie will nichts als dienen. Ihr Lohn, ihr Wirtschaftsgeld, ihre Toiletten, ihr Nadelgeld? Ein paar Groschen im Monat. Sie ist eine billige Geliebte. Aber ihr Zauber und ihre Verzauberungen sind nicht zu bezahlen. Deshalb tue du ein Übriges für sie --: sprich überall von ihr. Und hier beginnt das Beispiel von der Ehe, das bisher so schön paßte, hinkend zu werden: denn wie die Frau, deren Ruf in aller Munde ist, niemals die Beste sein kann, so ist die Zeitung die Beste, von der alle sprechen.

Sintemalen [zumal - Anm. L.T.] es gute und -- bessere Zeitungen gibt.

IV.

Das Verhältnis des Einzelmenschen zu "seiner" Zeitung wiederholt sich noch einmal im Verhältnis einer ganzen Stadt zu "ihrer" Zeitung, und hier wird das Gesetz der Massenpsychologie zuschanden, wonach die Massenseele etwas qualitativ anderes sei als die Summe der Einzelseelen. Denn hier ist es tatsächlich so, daß die Massenpsyche "Stadt" nicht anders aus ihre Zeitung reagiert als der einzelne Leser. Auch hier die unauflösliche Ehe, die nur durch den Tod eines der Kontrahenten geschieden werden kann.

Auf den folgenden Seiten ist der Versuch gemacht, ein solches Verhältnis zwischen Stadt und Zeitung aufzuzeigen: im Spiegel der 75 jährigen "Thüringer Allgemeinen Zeitung" (die als "Erfurter Allgemeiner Anzeiger" ihren Lebenslauf begann) das Werden und Wachsen der alten Stadt Erfurt zu verfolgen. Denn nichts geschah in dieser Stadt seit dem 1. Mai 1849, dem Gründungstag des "Anzeigers", dem dieser Anzeiger nicht Spiegel und Echo war. Kein Kind wurde geboren, keine Sendung frischer Salzheringe kam herein, kein "Dampfwagen" fuhr nach Gotha, kein Bürgermeister wurde gewählt und kein Regenschirm wurde stehen gelassen, ohne daß der Anzeiger davon wußte und Kunde gab. Drei Menschenalter lang sah er Geschlechter werden und vergehen, registrierte stumm ihre Freuden und ihren Schmerz, ihre Taten, Meinungen und Leidenschaften, und setzte endlich das schwarze Kreuz über die Anzeige ihres Todes.

Stumm und dichtgedrängt stehen die alten, schon halb vergilbten Bände auf den Regalen unseres Archivs. Wir schlugen sie auf und blätterten, und siehe, heißestes Leben stürzte uns entgegen. War das gestern, ist es heute, was aus diesen modrigen Blättern gekämpfst, beschworen, angepriesen, verdammt und empfohlen wird? Verwirrt und betäubt sahen wir: die Zeit ist ein Kreis, sie steht still. Die brüchigen, zerfallenden Seiten der alten Anzeigerbände könnten gestern gedruckt sein und übermorgen . . . Was sie künden, ist ewige Aktualität. Es ist Kampf und Freude, Zorn und Humor, Geltungsbedürfnis und Stolz, Kummer um das Gewesene und Fanfaren der Hoffnung. Aber es ist das Leben einer ganzen Stadt, eingefangen in ein bißchen Papier und Druckerschwärze, ein Leben, das gestern war und vorgestern, und das morgen ebenso sein wird.

Deshalb: kein Lächeln über das Gewesene, kein plattes "und wie wir es zuletzt so herrlich weit gebracht", denn du weißt nicht, was besser war, das Damals oder das Heute, du weißt nur, daß es Leben war, gleich lebendig und gleich herrlich in seiner Überfülle, wie der Tag, den du selber lebst.

Die Zeitung aber, sie sei von 1850 oder von 1926, hat kein Alter.

Sie hat nur Gegenwart. Und wollte man geistreich tun, so könnte man sagen, sie würde jeden Morgen um einen Tag jünger.

Bleibt ihr treu, liebe Leser, und liebt sie, auch wenn sie, wie aus den folgenden Blättern, das Neueste bringt -- von Gestern.

Thüringer Allgemeiner Anzeiger

(Erfurter Allgemeiner Anzeiger)