Die T.A.Z. als Erfurter Kulturspiegel (1926)

 

Von Professor Dr. Alfred Overmann

I. „Das Blättchen”

Entstehung und Ausbreitung

Den „biederen” Bewohnern Erfurts -- sie würden entrüstet gewesen sein, wenn man ihnen dies angenehm klingende Beiwort nicht zuerkannt hätte -- wurde am 1. Mai 1849 eine neue Zeitung ins Haus getragen, die sich „Erfurter Allgemeiner Anzeiger” nannte und den Untertitel „Ein neues Tageblatt für die hiesige Stadt und Umgegend” führte.

Nicht ohne Mißtrauen nahm der Hausherr, im Schlafrock und Samtkäppchen, das Blatt zur Hand. War es nicht übergenug, wenn in Erfurt mit seinen 30900 Einwohnern zwei politische Zeitungen bestanden, eine liberale und eine konservative, die dem braven Bürgersmann täglich (mit Ausnahme des als Ruhetag geltenden Montags) ganz entgegengesetzte Meinungen über die durch die Revolution von 1848 geschaffenen Zustände beizubringen suchten?

Für den Stammtisch genügte das jedenfalls vollkommen. Und war nicht außerdem noch das altehrwürdige, bis ins vergangene Jahrhundert zurückreichende „Erfurter Adreßblatt” vorhanden, das dem Erfurter die wenigen Geschäftsanzeigen, Verkäufe und Mietgesuche übermittelte, die man einem öffentlichen Blatte anvertraute? Eine vierte Zeitung war also ganz überflüssig.

Auch der Inhalt des neuen Blattes imponierte zunächst nicht besonders. Es enthielt an der Spitze einen Artikel „Über eine Methode, Gefäße aller Art hermetisch zu verschließen”, und brachte damit allerdings den Beweis, daß es die Richtung des kommenden Zeitalters auf die praktische Technik klar erkannt hatte, dann einen aktuellen biographischen Aufsatz über die österreichischen Generale Jellachich, Windifschgrätz und Radetzky, die gerade damals viel genannt wurden, endlich ganze fünf Anzeigen, die nur mäßige Teilnahme erwecken konnten: Verkauf von Knochenmehl als Düngemittel, eine Holzauktion, der Fund eines Schlüssels am Steiger, eine Empfehlung der preußischen Klassenlotterie und eine Anpreisung von Büchern durch Villarets Buchhandlung, von denen zwei die stark einsetzende Auswanderung nach Amerika, ein drittes den Krieg in Schleswig-Holstein behandelten.

Aber immerhin, das Blatt wurde unentgeltlich geliefert, und es versprach doch mancherlei: „Gemeinnützige Mitteilungen, Anzeigen für Geschäfts- und Privatleben. Anzeigen von Büchern, Musikalien und Kunstsachen”, endlich „Tageskalender: Ankunft und Abgang der Dampfwagenzüge”. wie man damals die Eisenbahn nannte, „Wechselcourse, Konzerte, Theater usw. ” Und richtig, da fand man auch auf der vierten und letzten Seite des bescheidenen Quartblattes unter dem Titel „Tägliche Dampfwagenfahrten” den sehr willkommenen Thüringer Fahrplan, der ganze fünf Züge täglich nach Weimar und drei Züge nach Gotha umfaßte. Auch der Verleger Wilhelm Meyer erweckte, als der bekannte Inhaber einer soliden Druckerei auf der Langebrücke Nr. 2333 (die Häuser in Erfurt wurden damals noch durchnumeriert), hinreichendes Vertrauen.

Also, da die Zeitung nichts kostete -- die 2 Silbergroschen „Colporteurgebühren” monatlich waren ja kaum zu rechnen -- so beschloß man doch in einigen Bürgerhäusern, sie zunächst einmal anzunehmen und die weitere Entwicklung abzuwarten.

Für Herrn Meyer war es nicht leicht, seine neue Schöpfung in richtigen Gang zu bringen. Seine Zeitung sollte ein Anzeigenblatt in der Art des bestehenden „Adreßblattes” sein und diesem scharfe Konkurrenz machen. Es galt also, Anzeigen zu bekommen. Der Preis von 1 Sgr. die große Zeile war nicht hoch, aber nur sehr zögernd kamen die Inserenten; über sieben Anzeigen kam man zunächst nicht hinaus, ja, in zwei Nummern des „Anzeigers” fehlte einmal überhaupt jegliche Anzeige. Trotzdem behauptete Herr Meyer schon nach 14 Tagen, sein Blatt habe eine Auflage von 500 Exemplaren, gewährte gleichzeitig jedem Abonnenten einmal ein freies Inserat und ermäßigte den Preis auf 6 Pf. für die Zeile. Daraufhin hob sich langsam die Zahl der Anzeigen, um im Juni schon die Höchstzahl von 18 zu erreichen.

Freilich wirkten auch noch andere Ursachen fördernd mit. Meyer erkannte richtig, daß er zunächst mehr bieten müsse als die Konkurrenz. Außerdem mußten die vier Seiten irgendwie ausgefüllt werden. So brachte er denn allmählich allerlei, was dem Erfurter Leser zu wissen nützlich und angenehm war: Bekanntmachungen der Behörden, die Tagesordnungen der Stadtverordneten-Sitzungen, die Liste der in Erfurt eingetroffenen Fremden, den Nachweis der regelmäßig verkehrenden Boten und

Das neugeborene Blatt

Das neugeborene Blatt

Die Titelseite des am 1. Mai 1849 gegründeten Erfurter Allgemeinen Anzeigers

 

 

Fuhrleute, das Verzeichnis der Verstorbenen und dergleichen Dinge, von denen die an deren Zeitungen Erfurts kaum etwas enthielten.

Aber auch so war noch verzweifelt viel Raum übrig; er wurde ausgefüllt mit allerlei fremdem Geistesgut: da gab es nützliche Rezepte für den Hausgebrauch, witzige und sentimentale Anekdoten, Berichte über aufregende Ereignisse unpolitischer Art in weiter Ferne, Gedichte von manchmal stark raumfüllendem Umfang, von denen man die Empfindung hat, daß die Verfasser dafür die Insertionskosten doppelt hätten bezahlen müssen, wie z. B. bei dem sechsstrophigen „Der Mensch”, in dem ein Jüngling dem Drang nicht widerstehen konnte, Gedanken des seligen Schiller noch einmal in Reime zu bringen:

„Der Mensch begrüßt des Lebens Sonne

Unkundig was er soll und ist; --

Gefühllos selbst für jene Wonne,

Die aus der Kindheit Unschuld sprießt” usw.

Daneben aber auch einige Aufsätze mit aufregenden, umstürzlerischen Ideen: bei den „Frauenrechtlern in Frankreich” konnte der Erfurter Spießer sich noch beruhigt sagen, daß so etwas im lieben Vaterland gottlob nicht möglich sei (wie würde er heute staunen!), aber bei der Lektüre des Artikels über „Soziale Reform”, den Meyer aus der Polytechnischen Zeitung entnommen hatte, hätte den Erfurter Leser ein gelinder Schauer überlaufen müssen, sofern er die Tragweite der Gedanken ganz zu würdigen imstande war.

Von Blatt zu Blatt sieht man, wie Meyer, der natürlich Verleger, Drucker, Redakteur und Expedient in einer Person war, fleißig mit der Schere arbeitete. Einmal aber schien ihm das passende Material doch ausgegangen zu sein; ein kleiner Raum am Schluß der vierten Seite mußte noch ausgefüllt werden. Er sucht und sucht, bis er schließlich -- ein Ausweg der Verzweiflung -- mit kalter Entschlossenheit die vielberühmte Seeschlange im Kanal auftauchen läßt und so den Beweis liefert, daß Freytag durchaus im Recht war, wenn er in seinen, wenige Jahre später entstandenen „Journalisten” die Seeschlange zum eisernen Bestande der deutschen Zeitungsmenschen in Notfällen rechnete.

So wuchs „das Blättchen”, wie die Erfurter es Sehr bald zu nennen pflegten, sich langsam aber sicher in die Gunst des Publikums hinein. Im Juni erschien die erste Wohnungsanzeige -- „Zwei freundliche Logis nebst Gartenpromenade und eins mit Möbels zu vermieten”, im August die erste Todesanzeige, im September die erste Geburts- und die erste Heiratsanzeige. Damit war das Blatt für die Familien legitimiert, und nun ging es rascher vorwärts. Im August konnte die erste ganzseitige Anzeige (eine Berliner Feuerversicherung) abgedruckt werden. Im September hatte die Zahl der Anzeigen schon einmal 23 erreicht, und vor Weihnachten konnte Meyer schmunzelnd feststellen, daß im Durchschnitt 35 Anzeigen am Tage ausgegeben wurden.

In der Tat, die Erfurter fingen an, sich an das Blättchen zu gewöhnen, das seit Juni nun auch regelmäßig Berichte über die Sitzungen der durch die Revolution neu geschaffenen Schwurgerichte brachte, den Weimarer Theaterzettel abdruckte, über die Erfurter Kunstausstellungen berichtete, Wahlaufrufe aller Parteien enthielt, mit besonderer Vorliebe Vereinsnachrichten aufnahm (es gab damals in Erfurt u a. ein „Flick-kränzchen”, eine „Apfelwein-Gefellschaft”, einen „Chinesischen Missionsverein”, einen „Verein der Gaskonsumenten usw.), mit behaglicher Rücksicht auf die guten Bürger allerlei anonyme Witzeleien über den lieben Nächsten seine Spalten öffnete und verkannten Dichtern, die sich gedruckt sehen wollten, die weitherzigste Duldung gewahrte, vorausgesetzt, daß sie dafür -- bezahlten.

Schon im Juli 1849 wagte daher Herr Meyer eine kleine Bezugspreiserhöhung auf 2½ Sgr., im Dezember auf 4 Sgr. den Monat. Aber wenn er im September seinen Abonnenten versichert hatte, die Hauptkonkurrenz, das alte Erfurter Adreßblatt, werde am Schluß des Jahres eingehen, so harrte seiner eine starke Enttäuschung. Allerdings hörten vom 1. Januar1850 ab „der Intelligenz-Insertionszwang und die amtlichen Intelligenzblätter” auf Grund des neuen Preßgesetzes aus, aber das Adreßblatt blieb bestehen, ja, jetzt schossen noch zwei neue ähnliche Blätter aus Erfurts Boden empor, und es begann nun ein scharfer Konkurrenzkampf, in dessen Verlauf Meyer den Bezugs- und Anzeigenpreis wieder herabsetzte (7½ Sgr. viertel-jährlich und 6 Pfg. für die Zeile) und durch allerlei ins Tagespolitische und Lokale hineinspielende Artikel sein Blatt interessanter zn machen versuchte.

Zwar mußte er dies auf Grund einer Regierungsverfügung schon vom 1. August 1859 ab aufgeben -- Anzeigenblätter durften weder Politisches noch Soziales bringen --, aber inzwischen war das schwerste schon überwunden. Die Anzeigen brachten den Sieg: infolge des im März und April in Erfurt tagenden U n i o n s-Parlaments und des wachsenden Verkehrs stieg ihre Zahl so erheblich, daß jetzt zuweilen schon kein Raum mehr für anderen Text übrig blieb; 45 bis 59 Anzeigen bildeten jetzt den täglichen Durchschnitt. Die Abonnentenzahl wuchs bis auf 900; schon fing auch die Umgegend an, hier und da Anzeigen aufzugeben.

Damit war das Blatt gesichert; und nun ging es rascher auswärts. Schon 1851 waren 70 Anzeigen täglich keine Seltenheit; im Oktober zählte man schon 1250 Abonnenten; 1852 sah sich Meyer gezwungen, das Format der Zeitung zu vergrößern, im Juli d. J. konnte er sich eine Schnellpresse anschaffen, vom September ab erschien das Blatt meist schon im Umfang von sechs Seiten, der Bezugspreis wurde auf 19 Sgr. für das Vierteljahr erhöht, und das Papier wurde sichtlich besser.

Im Laufe des Jahres 1853 schrumpfte dann der Text immer mehr zusammen, bis schließlich 1854 das reine Anzeigenblatt fertig war. Die Auflage stieg auf 1500 bis 1600 Exemplare, schon begann auch Weimar zu annoncieren, die Dörfer wurden erobert, der Raum von vier Seiten auch des größeren Formats reichte gewöhnlich nicht mehr aus, Beiblätter von zwei bis vier Seiten bildeten die Regel. Die Konkurrenz war geschlagen und ging ein; 1855 war der „Anzeiger” das einzige Blatt seiner Art in Erfurt, und wohlgemut setzte Meyer im Juli 1856 den Bezugspreis wieder um 2½ Sgr. herauf.

Da traf ihn ein neuer Schlag, der schwerste, den das junge Unternehmen auszuhalten hatte:

Der strittige Mastochse

Der strittige Mastochse

Anzeigenseite des Erf. Allg. Anz. vom 24. Mai 1849

 

Tagesordnung des Erfurter Stadtparlaments

Tagesordnung des Erfurter Stadtparlaments

Erf. Allg. Anz. vom 18. Mai 1849

 

Schinken und Speck werden gestohlen

Schinken und Speck werden gestohlen

Magistrats-Bekanntmachung im Erf. Allg. Anz. vom 15. Juni 1849

 

am 1. Oktober 1856 brachte die Druckerei von Karl Ohlenroth in der Johannisstraße Nr. 1165 ein Konkurrenzblatt heraus, das sich in unverschleierter Anlehnung an die Meyersche Zeitung „Neuer Allgemeiner Anzeiger, Adreßblatt für die Stadt Erfurt und Umgebung” betitelte, selbstverständlich billiger war und als Neuheit auch die Verordnungen des Magistrats aufzunehmen versprach. Nun begann ein Kampf, in dem die Erfurter das Vergnügen hatten, zuzusehen, wie die beiden Blätter sich gegenseitig im Bezugspreis unterboten, in der Reichhaltigkeit des nun neben den stark zurückgehenden Anzeigen wieder zu Ehren kommenden Textes überboten, ein Kampf, in dem Meyer den Trumpf eines unentgeltlichen Sonntagsblattes mit dem Abdruck einer langen Erfurter Chronik ausspielte, Novellen erster Namen (Gerstäcker, Max Ring) brachte und schließlich den Titel seines Blattes in „Meyers oder Erster Allgemeiner Anzeiger” umänderte, da, wie er sagte, „die Konkurrenz sich nicht scheut, den Titel meines Blattes möglichst getreu nachzuahmen und Irrungen dadurch fast unvermeidlich werden”.

Nach 1¾ Jahren kam es dann zu einer Einigung. Da keines der beiden Blätter tot zu machen war, und beide sich doch schließlich nur schädigten, kaufte Ohlenroth dem unbesiegten Gegner Druckerei und Zeitung ab, und so erschien denn seit 1. Juli 1858 der Allgemeine Anzeiger im Ohlenrothschen Verlage, wiederum und nunmehr auf lange Jahrzehnte das einzige Anzeigenblatt der Stadt Erfurt, eine Monopolstellung, die Ohlenroth sofort dazu benutzte, die Sonntagsbeilage abzuschaffen, auf jeden Text zu verzichten und trotzdem den Bezugspreis zu erhöhen.

So von jeder Konkurrenz entlastet, ausschließlich auf eine jährlich wachsende Zahl von Anzeigen gestellt, ohne den kostspieligen Apparat einer politischen und lokalen Redaktion, begünstigt von dem starken Aufschwung, den seit Ende der fünfziger Jahre Handel und Industrie allenthalben in Deutschland nahmen, entwickelte sich die Zeitung überraschend schnell, erreichte 1863 eine Auflage von 2500 Exemplaren und ging schon am 1. Januar 1861 zum Folioformat über, das dann 1864 nochmals verbreitert werden werden musste.

Nach Karl Ohlenroths frühem Tode, am 21. Februar 1863, wurde die Firma zunächst von seiner Witwe, dann von deren zweitem Manne, Herm. Zange, weitergeführt. Der kritische Kriegssommer 1866 brachte noch einmal eine Stockung, die Zahl der Anzeigen ging auf die Hälfte herunter, aber dann, nach dem Siege über Österreich, und erst recht nach dem Deutsch-Französischen Kriege und der Errichtung des Deutschen Reiches, wuchs der Umfang auf zwölf bis sechzehn Seiten täglich, die Abonnentenzahl auf 5000 im Jahre 1871, 6000 im Jahre 1876. Nach einem Menschenalter des Bestehens war der „Allgemeine Anzeiger” in Erfurt eingewurzelt, war er der unentbehrliche Vermittler für alle geschäftlichen Angelegenheiten in der thüringischen Hauptstadt und weit über deren Mauern hinaus geworden.

II. Der Anzeiger und die Stadt Erfurt

Politik

Im „Allgemeinen Anzeiger” besitzen wir unstreitig die beste Quelle für die Erfurter Geschichte dieser Zeit, wenigstens für deren interessanteren Teil, die Kulturgeschichte, womit natürlich nicht gesagt ist, daß wir über die Stellung der Erfurter zu den großen politischen Ereignissen nichts erfahren. Denn auch daraus werfen die Anzeigen die interessantesten Streiflichter. Steigt nicht die Reaktion der fünfziger Jahre vor uns auf, wenn im Februar 1852 der Gymnasiallehrer Dr. Friedrich Richter populär-philosophische Vorträge „über den Gottesbegriff und seine Ergänzung durch den Majestätsbegriff” (!) ankündigt und folgende Erläuterung dazu gibt, die man heute nur mit behaglichem Schmunzeln lesen kann: „Richtung und Haltung der Entwicklung sind durchaus konservativ, das Verfahren rationell, zwischen naturwissenschaftlicher und positiv religiöser Weltanschauung vermittelnd; die Form populär (und mit dem sehr niedlichen Zusatz:) „auch noch für Damen ausreichend faßlich”. Oder wenn die Regierung vor den Landtagswahlen im September 1855 in drei -- natürlich anonymen -- Anzeigen die Erfurter vor den bösen Demokraten und Liberalen warnt, was freilich nötig schien, da die Erfurter Bürgerschaft damals fast ausnahmslos liberal war?

Oder wenn 1861 in dem Zweigverein Erfurt des Deutschen Nationalvereins Schulze-Delitzsch einen Vortrag hält, und im geraden Gegensatz zu dem ein einiges, großes Deutschland erstrebenden Liberalismus der Konservative Verein in Erfurt im September 1863 einen Wahlaufruf erläßt, dessen Inhalt sich in den Satz zusammenfassen läßt: Erst Preußen, dann Deutschland.

Wie stark dieser Gegensatz gerade damals in Erfurt war, zeigt ein überaus bezeichnender Vorfall bei der fünfzigjährigen Jubelfeier der Schlacht bei Leipzig, die am 18. Oktober 1863 auch hier unter Teilnahme der ganzen Bürgerschaft begangen werden und in einem großen Festzuge gipfeln sollte. Alles war schon in wochenlanger Arbeit von einem im Auftrage der Stadt arbeitenden Comité vorbereitet worden. Da, zwei Tage vorher, am 16. Oktober, erläßt der erzreaktinäre Oberbürgermeister Freiherr v. Oldershausen, als Polizeichef eine Bekanntmachung, in der er den Gebrauch der deutschen Fahne (d. h. der schwarzrotgoldenen, die ja seit den Tagen der Burschenschaft und seit 1848 immer als die deutsche galt) im Festzuge untersagt. Die Folge war, daß das Comité sofort seine Arbeit niederlegte, die gesamten Innungen sich zurückzogen und der Festzug unterblieb.

Der Oberbürgermeister versuchte zwar in einer öffentlichen Erklärung seine Maßregel zu rechtfertigen, woraus das Comité eine würdige Antwort gab, die sagte, jene Verfügung habe ihm „den Boden unter den Füßen weggenommen”, und die mit den wichtigen Sätzen schloß: „In einem Momente, wo die der gleichen Feier geltende allgemeine deutsche Feststätte in Leipzig mit Tausenden von deutschen Fahnen geschmückt, und in Hunderten von anderen deutschen Städten die deutsche Fahne entfaltet wurde, da widerstrebte es dem Gefühle der großen Mehrheit des Comités, der Realisierung einer Bedingung förderlich zu sein, welche viele tief verletzt hatte und eine reine Festfreude aller nicht mehr ermöglichte”.

In die darauf folgende Konfliktszeit werden wir geführt, wenn wir lesen, daß 1864 die Gartenlaube, das damals verbreitetste liberale deutsche Familienblatt, in Preußen verboten wurde -- natürlich ohne Erfolg, denn hinten herum wurde sie doch gelesen und wenn Bismarcks große Rede beim Schluß der Landtagssession 1864, die den dänischen Krieg einleitete, amtlich im Anzeiger veröffentlicht wurde.

Wie bescheiden die Sozialdemokratie in Erfurt begann, sehen wir aus einer Anzeige von 1865, in der eine Versammlung des Deutschen Arbeitervereins angekündigt wird, während 1867 die Kämpfe zwischen Lasallescher und radikaler Richtung innerhalb der neuen Partei gleichfalls in Anzeigen ausgefochten werden. Nur wenige der heutigen Erfurter werden ferner wissen, daß kein Geringerer als Gustav Freytag, der damals in Siebleben wohnte, im Jahre 1867 hier als Abgeordneter der Liberalen Pariei gewählt wurde, und daß ein vollständiger Abdruck seiner Wahlrede der Nr. 29 des A. A. beigegeben wurde. Ihm zu Ehren wurde dann am 19 Februar 1867 sein Lustspiel „Die Journalisten” im Theater vorgeführt.

Der Krieg von 1866 kündigte sich zunächst durch die wiederholte, auch uns ja von 1914 her so bekannte dringende behördliche Warnung vor dem unsinnigen Sturm auf die Sparkasse an, dann zum Schluß, in starker Dämpfung der Siegesfreude, durch die Ankündigung der furchtbaren Opfer, die im August und September die Cholera in Erfurt forderte. Während die Zahl der im Anzeiger veröffentlichten Todesanzeigen sonst damals im Durchschnitt täglich vier betrug, stieg sie im August auf 15 bis 20, im September auf 33. Nicht zum wenigsten diese entsetzlichen Erfahrungen waren es, die dann in den siebziger Jahren zu einer Verbesserung der geradezu mörderischen Wasserverhältnisse in Erfurt Veranlassung gegeben gegeben haben.

Daß Krieg und Sieg von 1870/71 und die Errichtung des neuen deutschen Kaisertums mitsamt der prachtvollen patriotischen Begeisterung jener Tage sich auch in den Anzeigen -- und in zahlreichen Gedichten -- widerspiegelten, ist selbstverständlich. Weniger erfreulich wirken die Eingesandts, in denen über das allzu große Entgegenkommen der Erfurter Damen den kriegsgefangenen französischen Offizieren gegenüber entrüstete Klage geführt wurde, und nicht ohne Verwunderung lesen wir, daß es Erfurter Geschäftsleute gab, die mit Rücksicht auf diese Gefangenen Anzeigen in französischer Sprache veröffentlichten. Patriotisch oder gar „völkisch” im heutigen Sinne waren die Erfurter zu dieser Zeit überhaupt nicht, denn die Höhe im Steiger, auf der vormals der zu Ehren Napoleons I. errichtete Tempelbau gestanden hatte, hieß noch ein halbes Jahrhundert hindurch offiziell die „Napoleonshöhe” und wurde erst 1868 in Friedrich-Wilhelmshöhe, 1876 in Augustahöhe umbenannt; das besuchteste Kaffee der Stadt führte bis in die 70er Jahre hinein den Namen  Café frances  (heute    Stolze und Bachrodt), und wenn man die Anzeigen der Erfurter Leihbibliotheken und Journallesezirkel der 50er und 60er Jahre durchliest, staunt man über die Zahl der französischen Bücher und Zeitschriften, die hier gehalten und gelesen wurden, wie denn die Kenntnis des Französischen damals noch viel allgemeiner und für jeden Gebildeten selbstverständlicher war als heute.

Städtisches

Vollends aber wird sich ein Hitler-Mann von heute entrüsten, wenn er hört, daß man 1869 sogar einen leibhastigen Juden, Prozessor Dr. Ephraim Salomon Unger, zum Ehrenbürger von Erfurt machte! Der Mann hatte sich in der Tat -- das mag ja zur Entschuldigung dienen -- einige nicht unwesentliche Verdienste um die Stadt erworben.

Viel häufiger als die Ereignisse der großen Politik treten uns in den Anzeigen des „Anzeigers” die rein städtischen Vorkommnisse und Angelegenheiten entgegen. Da sind zunächst die Tagesordnungen der Stadtverordnetenversammlungen, die regelmäßig veröffentlicht wurden Wir lächeln heute, wenn wir sehen, mit welchen Dingen sich die Stadtväter damals beschäftigen mußten! Da findet sich als Punkt 5 einer Tagesordnung: „Gesuch eines hiesigen Einwohners um Erlaß vom Schulgeld für einen Realschüler” (1854), ein andermal Punkt 8: „Beseitigung des Blutegelbehälters in der Schmidtstedterstraße auf Kosten der Stadtkasse” (1855); dann wiederum Punkt 1 (1855): „Gesuch eines hiesigen Einwohners um


Musketier Posse verabschiedet sich

Musketier Posse verabschiedet sich

Anzeigenseite des Erf. Allg. Anz. vom 29. Mai 1849

 

Konzert und Thé Musical

Konzert und Thé Musical

Anzeigenseite des Erf. Allg. Anz. vom 26. Oktober 1850

 

Erteilung der Erlaubnis, das Geschäft eines Lohndieners zu betreiben” und dergleichen. Bedeutsamer war schon Punkt 9: „Benachrichtigung von der Königl. Regierung über die bei dem Herrn Minister des Innern Exzellenz vorgetragene Bitte um Herbeiführung der vollständigen oder teilweisen Aufhebung der hiesigen Thorsperre” (1855). Das war eine üble Sache. Erfurt war Festung, und die Stadttore wurden damals noch, gemäß einer aus dem 18.  Jahrhundert stammenden Sitte, abends 10 Uhr von der Militärverwaltung unweigerlich geschlossen, eine Maßregel, die längst sinnlos geworden war und von der ausstrebenden Stadt als lästige Fessel empfunden wurde. 1855 zum Beispiel fragen mehrere Landbewohner im Anzeiger an, ob das Theater nicht zuweilen schon um 6 Uhr beginnen könne, „damit das ländliche Publikum, der Thorsperre halber verhindert, auch teilnehmen kann”! Aber ohne Angabe stichhaltiger Gründe, sei es nach dem Gesetz der Trägheit, sei es, weil man dem Bürger die militärische Autorität recht sinnfällig vor Augen führen wollte, ebenso aufrecht erhalten wurde, wie vor 1848 das noch sinnlosere Verbot des Rauchens auf der Straße, dessen Aufhebung der deutsche Philister als eine der Haupterrungenschaften der Revolution mit Jubel begrüßt hatte.

Im übrigen hing die Bürgerschaft stark am Alten und Hergekommenen. Als Oberbürgermeister Breslau in den 70er Jahren begann, die für eine moderne Stadt unerläßlichen neuen Einrichtungen der Wasserleitung (1875), der Kanalisation, des Flutgrabens usw. einzuführen, bedurfte es seiner ganzen, nicht gewöhnlichen Tatkraft, um diese Pläne bei den widerstrebenden Stadtverordneten durchzusetzen. Wes Geistes Kind diese Gegner waren, zeigt ein Eingesandt zur Stadtverordnetenwahl vom Herbst 1876:

Eingesandt.

Die Bürgerschaft möge unter allen Umständen den stürmischen Bestrebungen der letzten Jahre entgegen treten, welche darauf gerichtet sind, aus unserer guten alten Stadt um jeden Preis eine moderne Großstadt zu machen. Laßt uns daher nur solche Männer in die Stadtverordnetenversammlung wählen welche entschlossen sind, diesen Bestrebungen zu steuern, mögen sie nun sein auf Kosten des Stadtsäckels oder auf Kosten einzelner Klassen der Bürgerschaft, insonderheit der Hausbesitzer. Ein Erfurter Bürger.

Als eine Stätte besonderer Reinlichkeit konnte die Stadt damals auch beim stärksten Optimismus nicht betrachtet werden. Ein Eingesandt von 1852 beleuchtet das in drastischer Weise:

„Bei bevorstehendem Bau der Schlösserbrücke wäre es doch wünschenswert, daß die Sommer und Winter mit Mistjauche fließende Rinnengosse in der Mitte der Schlösserstraße sowie auch der offene, zerfallene Kanal mit überdeckt und die für Fuhrwerk so gefährliche tiefe Stelle bei der Schlössermühle mit beseitigt werden könnte.

Daß diese erbauliche Schilderung nicht übertrieben war, geht ans Punkt 7 der Stadtverordnetensitzung vom Juli 1853 hervor: „Fortschaffung des Kehrichts und Kothes von den Straßen”. Im Herbst 1861 macht ein in der Gegend der Karthause wohnender Bürger seinem tiefbeleidigten, reinlichen Gemüte in den massiven Versen Luft:

Rechts von der Löberbrücke da ist ein Fleck,
Da geht's bis zum Knie in den tiefen Dreck.
Und wer da geht ohne Stelzen hinaus,
Kommt nicht ganzbeinig ins Karthaus.

Noch 1865 versucht ein Bewohner der Gartenstraße seine Entrüstung über den ihn umgebenden Schmutz in das Gewand leichten Hohns zu kleiden, wenn er anzeigt:

In der Gartenstraße circuliert jetzt eine Petition um Anschaffung von Stelzen aus städtischen Mitteln, um die Communikation mit der Stadt möglich zu machen,

und tags darauf liest man einen zweiten Notschrei:

Der Schmutz in der Gartenstraße.

Riesengroß

Hoffnungslos. S c h i l l e r.

Schiller wurde bekanntlich damals mit Vorliebe zitiert, und in Erfurt war ja auch 1859 sein hundertster Geburtstag, wenn auch nicht besonders großartig, so doch immerhin durch allerlei Festlichkeiten und Reden gefeiert worden, während zu Goethes gleichem Jubiläum im Jahre 1849 sich keine Hand gerührt und kein Mund ein Wort zu Ehren dieses in Wahrheit größten deutschen Dichters gesprochen hatte, dessen riesenhafte, heute erst hach und nach in vollem Umfang faßbare Gestalt freilich dem politisch aufgeregten, ganz pathetisch-sentimental gerichteten Geschlecht jener Tage (wenige Ausnahmen abgerechnet) in seiner ganzen, ungeheuren Bedeutung noch gar nicht aufgegangen war.

Aber, abgesehen von diesen politischen und kommunalpolitischen Dingen, wie klar enthüllen uns die Anzeigen dieser drei Jahrzehnte Leben und Treiben, Handel und Wandel, Vergnügungen und Feste, Kunst- und Wissenschaftsbedürfnisse, Geschmack und Weltanschauung der Erfurter, und -- was fast noch wichtiger ist -- wie überraschend sicher lassen sie den gewaltigen Wandel erkennen, der gerade in dem Menschenalter von 1850--1880 in Deutschland vor sich gegangen ist! Diese Jahrzehnte umfassen den Übergang vom Biedermeiertum zur Gründerzeit, vom lockeren großdeutschen Bund zum festgefügten kleindeutschen Kaiserreich unter Preußens Führung, vom Postwagen zur Eisenbahn, vom Zunfthandwerk zur Gewerbefreiheit, vom Agrarstaat zum Industriestaat, vom klassischen Humanismus zur Naturwisseuschaft und Technik, von der hohen Warte Hegelschen Idealismus zum Materialismus, mit einem Worte: von der Kultur zur Zivilisation. Diese ganze Entwicklung spiegelt sich in den Anzeigen des Erfurter Blattes.

II. ANZEIGEN

Zunächst in deren Form. Wie höflich, wie weitchweifig, wie geschwätzig und ruhig-behaglich sind die Anzeigen noch bis in die 60er Jahre hinein! Sehr häufig beginnen sie noch mit der Wendung: „Einem hohen Adel, sowie einem hochgeehrten Publikum erlaube ich mir” usw. Wenn ein Handwerker einen Lehrling sucht, so heißt es etwa: „Ein wohlerzogener Knabe kann unter billigen Bedingungen sofort in die Lehre treten.” Ein Mädchen, das die feinere Küche lernen will, läßt folgende Anzeige einrücken:

Besonders bezeichnend ist ein Mädchengesuch aus dem Jahre 1852, das heute wie „ein Märchen aus uralten Zeiten” klingt:

Aber schon nach 1866 wird der Ton anders. Die Anzeigen werden kürzer, sachlicher, knapper gefaßt, ihre Form nüchterner oder auch prahlerischer; alles Höfliche, Behagliche, im guten Sinne Philisterhafte verschwindet mehr und mehr; und in den 70er Jahren ist die Entwicklung zur modernen Annonce vollendet. Schlagender und treffender, als sonst irgendwo, tritt uns der Gegensatz der beiden Epochen in zwei Neujahrsgedichten entgegen, die der Anzeiger, wie alljährlich, so auch 1862 und 1872 als Glückwunsch an seine Leser veröffentlicht hat, Hier sind sie:

1862

Ja, hübsch ist's doch, wenn früh am Morgen
Der Kaffee kaum vom Tische ist,
Und, eh' man geht an seine Sorgen
Man ruhig noch das Blättchen liest!

Die Hausfrau, eh' sie's hergegeben,
Mußt erst auf letzte Seite sehn,
Wer etwa abgeschieden sei vom Leben,
Und ob Verlobte drinnen stehn.

Sind dann gemächlich durchgenommen
All die Annoncen, klein und groß,
Dann kann die Arbeit sachte kommen,
Man weiß, was da und dort ist los.

Drum ist's ein Blatt für alle Leute.
Wohl dem, der das begriffen hat,
Und es empfiehlt auf's neu sich heute
Dem werten Land, der lieben Stadt.

1872

Das Leben gleichet einer Börse,
In dem die Hausse und Baisse nicht fehlt,
Wo unsere Wünsche sind die Aktien
Aus Glück und Freude ungezählt,
Von denen jeder schneiden möchte
Recht viel Coupons in jedem Jahr,
Vom Schicksal willig acceptieret
Und ausgezahlet stets in baar ...etc.

Das erste Gedicht führt in das ruhige, vielleicht etwas philisterhafte, häusliche Dasein eines ehrbaren Bürgertums, das zweite, nur zehn Jahre später entstanden, in die Welt des Gründungsschwindels, die in fieberhaftem Jagen nach mühelosem Gewinn nur noch börsenmäßig zu denken vermochte und in Erfurt mit riesigen Anzeigen immer neuer Banken und Industrieunternehmungen die Zeitung füllte, bis dann der unausbleibliche Rückschlag kam und als ungesundeste dieser neuen Institute die Thüringer Bank verkrachte und zahlreiche Existenzen mit sich riß.

Fremdwörter.

Jeden rechten deutschen Sprachreiniger schauderts, wenn er die Anzeigen dieser Jahrzehnte liest, die damals „Annoncen” hießen. Da wimmelte es genau so von Fremdwörtern wie in den Briefen unsres wundervollen alten Kaisers Wilhelm I. Ganz abgesehen von dem noch heute geltenden Logis und Cousin gibt es Bel-Etage, Bouton, Soiree, Comité, Trottoir. und un

Der Fahrplan um 1853

Der Fahrplan um 1853

Erf. Allg. Anz. 1853, Nr. 135

 

Vergnügungs-Anzeigen um 1853

Vergnügungs-Anzeigen um 1853

Erf- Allg. Anz. 1853, Nr. 140

 

zählige andere, meist aus dem Französischen stammende Ausdrücke. Besonders in den Anzeigen von Damengarderobe feiert die Fremdwörter Manie furchtbare Orgien: die Namen der Stoffe und Toilette -- pardon (Verzeihung) -- Bekleildungsgegenstände für Damen waren ausnahmslos französisch und wurden auch französisch gedruckt (etwa: Jaquettes, Popeline sablé usw. ). Zuweilen scheint freilich die Kenntnis der srem^ den Sprache doch etwas mangelhast gewesen zu sein, so, wenn die Gesellschaft Ressource (schon wieder ein Fremdwort! ) einen Theeduçant (! ) anzeigt, womit anscheinend ein Tanzthee gemeint war.

 

Fremdwort-Hauffe um 1852

Fremdwort-Hauffe um 1852

Erf- Allg. Anz. 1852, Nr. 235

 

Von entzückendster Unverschämtheit ist aber eine Ankündigung von 1864, in der ein „Théatre de Kasperle" am „Gotthardt hinterm Thürmchen” die Puppenvorstellung „Lumpatius oder die Fahrt zur Hölle” anzeigt. Die Lorbeeren der übrigen Theater, die mit Vorliebe französische Stücke spielten, hatten offenbar den Direktor dieses Kasperletheaters nicht schlafen lassen.

 

Sentimentalität.

Im übrigen muß man sich bei den Anzeigen dieser Zeit auch durch ein gutes Stück Sentimentalität durcharbeiten. Wer auf die Rührseligkeit des Publikums spekulierte, hatte schon halb gewonnen, wie der große Erfolg der Birch-Pfeifferschen Rührstücke aus dem Erfurter Theater beweist.

Das wußte offenbar auch jene Sängerin, die 1861 folgende überschwengliche Anzeige an die Erfurter losließ:

„Meinen Dank! Mit freudiger Zuversicht hoffte ich auf die edlen Herzen meines lieben Erfurt, meiner zweiten Heimat, und -- mein Glaube ist zur beschämenden Wahrheit geworden! Allen, die sich so aufopfernd gütig für mein Unternehmen interessiert und das Gelingen des Ganzen so wirksam gefördert, mit stillen Freudenthränen meinen innigsten Dank! Der Himmel segne meine edlen Wohltäter und erhalte mir ferner ihre beglückende Gunst. ”

Besonders in Versen ließen sich solche sentimentalen Gemeinplätze herrlich anbringen, und man machte lebhaften Gebrauch davon. Welche Leserin war damals nicht zu Tränen gerührt, wenn sie die Abschiedsgedichte las:

„Lebt wohl, ihr Freunde meiner Jugend,
Gesegnet seid ihr alle ewig mir!
Entheiligt nie das Band der Freundschaft und der Tugend!
Lebt wohl, ich muß von hier.

Wilh. W e n z e l, Tischler. ” (1858. )

 

„Leb wohl, mein Röschen! Leb in Freuden!
Sei fromm, mein Engelsangesicht!
Bleib tugendhaft, fleh ich beim Scheiden!
Leb wohl, leb wohl! Vergiß mein nicht!

Dein H. ” (1865.)

Und nun gar die unzähligen Gedichte aus verstorbene Angehörige oder Freunde, die damals aus allen Erfurter Bürgerkreisen dem Anzeiger zuflossen! Hier die Klage eines Bräutigams um seine Braut (1865):

„Auch Du, geliebtes Herz, hast ausgeschlagen,
Schon reis zum Tode in der Jungfrau Blüthe;
Fließt denn, ihr Thränen, hier darf man beklagen,
Daß in des Lebens Mai schon todesmüde
Im Grabe ruht, die sonst so hoffnungsreich,
Nun hoffnungslos für uns liegt totenbleich.

Du bist wohl werth der stillgeweinten Thränen,
Den Pfad der Tugend hattest Du gefunden;
Was giebt darum der Liebe heißem Sehnen
Noch Trost mit der Du garest treu verbunden?
Es wär' zu schön, mit Dir auch noch getraut,
Du solltest sein nur eine Himmelsbraut.”

Ja, bis in den amtlichen und halbamtlichen Stil jener Tage schleicht sich die Überschwänglichkeit hinein. So dankt der im Jahre 1861 in Erfurt gewählte liberale Landtagsabgeordnete

Erfurter Reinlichkeit

Erfurter Reinlichkeit

Eingesand im Erf. Allg. Anz. 1865, Nr. 4

Bering seinen Wählern mit Worten, die in der nüchternen Atmosphäre heutiger Politik seltsam klingen:

„Zu tief ergriffen von dem Resultat der Abstimmung für die Wahl eines Abgeordneten, um augenblicklich meinen Gefühlen Ausdruck zu geben, kann ich mir nicht versagen, Ihnen allen, die Sie mir Ihr Vertrauen auf eine so offene Weise zu erkennen gegeben haben, hierdurch meinen wärmsten Dank auszufprechen. Möge Gott mir Kraft verleihen, der Ehre, die mir durch Ihre Wahl zu teil geworden, mich würdig zu machen. ”

Der Bürgermeister Pingel, der, 73 Jahre alt, 1859 noch im Dienst starb, wurde in dem Nachruf, den der Magistrat ihm widmete, „ein treuer, biederer, einsichtsvoller Kollege genannt, und noch 1869 heißt es in einem Nachruf für Stadtrat Otto B a u k e: „Möge sein Wirken als ein Vorbild für Bürgertugend geachtet und gewürdigt werden.”

Grobheit.

In grellem Gegensatz dazu schlagen aber zuweilen auch herzerquickende Töne massiverer Grobheit aus den Anzeigen an unser Ohr. Hatte eine zartbesaitete ältliche Jungfrau giftspitzig sich über „gewisse rohe Lümmel” beklagt, so schallte ihr schon aus der folgenden Nummer des A. A (1857) die Antwort entgegen, die an Deutlichkeit wirklich nichts zu wünschen übrig ließ:

„Die blaustrümfige gelbe Gans, welche in ihrem Geschnatter gewisser roher Lümmel Erwähnung getan, mag sich hüten, daß sie nicht auf ihren Gelbschnabel geschlagen wird. ”

Alle Achtung! Es gab also damals trotz aller Höflichkeit doch noch einige ausrichtige Leute in Erfurt. Ein mehr mit Spott vermischter Zorn spricht aus einer Anzeige von 1858, die sich gegen eine anonyme Briefschreiberin wendet:

„Eine gewisse, bekanntlich vormals sehr galante laute Dame würde besser tun ihre gereiften Witwenjahre der Buße und Frömmigkeit zu widmen, als sich mit schamlosen anonymen Briefen zu befassen, deren Inhalt ein Zeugnis der Verworfenheit ihres Charakters gibt. ”

Kürzer und schlagender droht ein körperkräftiger Handwerker einer Klatschbase Vergeltung an (1857):

„Fräulein H. mag sich ferner hüten, Verleumdungen auszubrüten!
Sonst!! -- --
Ein Schlosser.”

Literatur.

Wie bezeichnend, daß die Androhung gereimt ist! Das Dichten war eine Zeitkrankheit, und ihre Symptome begegnen uns im A. A. auf Schritt und Tritt. Dabei war das Bedürfnis nach wahrer, großer Dichtkunst in Erfurt keineswegs besonders hoch entwickelt. Wir sahen schon, daß 1849 zu Goethes hundertstem Geburtstag in Erfurt keine Zeitung auch nur eine Zeile gebracht hat, und daß von keiner Seite eine Feier veranstaltet worden ist. Zwar wurde 1853 auch hier eine öffentliche Sammlung für die Errichtung des Goethe-Schiller-Denkmals in Weimar veranstaltet, aber da man ihr Ergebnis nicht veröffentlichte, wird es wohl recht kläglich gewesen sein.

Müllers und Schulzes Echo

Müllers und Schulzes Echo

Eingesand im Erf. Allg. Anz. 1865, Nr. 250

Das „Volk” ergötzte sich damals wie heute an Machwerken der Schundliteratur (z. B. „Der entsprungene Galeerensklave oder die Bleidächer von Venedig”), deren Absatz nicht unbedeutend gewesen sein kann, da sie immer wieder angezeigt wurden.

Die teuren Brötchen

Eingsandt im Erf. Allg. Anz. 1865, Nr. 166

Die gebildeteren Erfurter pflegten ihre literarischen Kunstbedürfnisse in den Leihbibliotheken zu decken, die eine große Rolle spielten und regelmäßig Anzeigen der eingetroffenen Neuheiten veröffentlichten. In den 50er Jahren überwog darin weitaus die ausläudische Literatur (Dumas, Sua, Sand, Dickens, Thackeray, Conscience, Cooper, Maryat usw.); auf zehn Romane kamen sieben ausländische. In den 60er Jahren begann dann die „Gartenlaube” erfolgreiche Konkurrenz zugunsten einheimischer Schriftsteller, die mit dem großen Trumpf der Marlitt alles andere schlug, Während man Kellers „Grünen Heinrich” vergebens in den Ankündigungen sucht, macht eine Leihbibliothek 1868 bekannt, daß „Das Geheimnis der alten Mamsell” gleich in mehreren Exemplaren dem Publikum zur Verfügung stünde, und 1874 wurde sogar Marlitts „Die zweite Frau” in dramatischer Bearbeitung im Erfurter Theater mit einem Erfolge gegeben, dessen Größe aus einer Anzeige betr. die Wiederholung des Stückes ersichtlich ist: „Dieses Stück, vollkommen für die gegenwärtigen Zeitverhältnisse berechnet, war von so großer Wirkung, daß sich der laute Beifall bei den zündenden Stellen, deren das Stück so viele aufzuweisen hat, oft in wahrhaft tumultarischen Beifallssturm verwandelte. ”

Theater.

Unter diesen Umständen ist es erstaunlich, daß das Erfurter Theater in diesen Jahrzehnten wenigstens immer wieder den Versuch gemacht hat, auch gute Kunst zu geben um so mehr, als seine äußere Lage keineswegs glänzend war. Die Stadt dachte nicht daran, dem Theater irgendeinen Zuschuß zu gewähren, wie denn überhaupt die Erfurter Stadtväter sehr lauge Zeit hindurch die Mittel für Dinge geistiger und künstlerischer Kultur mehr als karg bemessen

Das Theater war damals ein Privatunternehmen, und daher ganz und gar auf die Gunst und den guten Willen des Publikums angewiesen Die Vorstellungen fanden an dem klassischen Orte Erfurter Bühnenwesens, im heutigen Kaisersaal, statt, der damals „Ballhaus” oder auch schlechthin „das Theater” hieß und sich im Privatbesitz der Familie Teichmann befand. Diese verpachtete das Theater an irgendeinen Direktor, der natürlich möglichst viel herauszuwirtschaften versuchte.

Da wiederholte sich nun Jahr für Jahr dasselbe Schauspiel: im Anfang der Spielzeit ein Anlauf, wirkliche Kunst, oder doch wenigstens Stücke anständigen Mittelmaßes zu geben, sehr bald aber landete man bei Lustspielen, Volksstücken, Possen, Vaudevilles und Operetten, weil sie allein das Theater einigermaßen zu füllen imstande waren. Und so sehen wir aus den Anzeigen, daß Goethes „Egmont”, Schillers „Räuber” und „Maria Stuart”, Lessings Minna von Barnhelm” und hie und da auch einmal ein Shakespeare schnell von dem für uns heute unerträglichen Pathetiker Halm, dem entsetzlich langweiligen Raupach sowie von Gutzkow, Laube und Freytag, vor allem aber von der modischen Vielschreiberin Charlotte Birch-Pfeiffer abgelöst wurdeu, und diese wieder von Bauernfeld, Mosenthal, Iffland, Kotzebue, besonders aber von Kalisch, Nestroy und Benedix, die damals in Berlin volle Häuser machten

 

Theater-Anzeige

Theater-Anzeige

Erf. Allg. Anz. 1853. Nr. 136

Dazu kam endlich die ganze große Zahl von Stücken, die heute so gänzlich vergessen sind, daß man nicht einmal die Verfertiger mehr kennt, Literaturkitsch, der nur vom Tage lebt und dann klanglos verschwindet. Öfter machte man auch der Lokaldichtung Zugeständnisse, so z. B. 1850, wo als Benefizvorstellung für den berühmten Komiker Helmerding angekündigt wurde: „Der Anger und die Krämerbrücke in Erfurt oder alles will heiraten”. Lustspiel von E. P., und 1861, wo ein Schauspiel „König Gustav Adolf in Erfurt, frei nach der Erfurter Chrouik” aufgeführt wurde.

Schluß der Saison

Schluß der Saison

Erf Allg. Anz. 1854, Nr. 102

 

So hatte das Theater immer wieder mit wirtschaftlichen Nöten zu kämpfen, selten vesuchte ein Direktor zum zweiten Male sein Heil in Erfurt, und daher kam es schon Mitte der 50er Jahre dahin, dass sich keiner mehr fand, der die Direktion übernehmen wollte, so daß der Besitzer Teichmann schließlich selbst die Leitung in die Hand nehmen mußte.

Abgeordneter Gustav Freyag

Abgeordneter Gustav Freyag

Erf .Allg. Anz 1867, Nr. 58

 

Daß die Erfurter Bühne unter diesen bedrängten Umständen nicht gerade über die besten Kräfte verfügte, ist klar. Die Vorstellungen müssen im allgemeinen recht schlecht gewesen sein. Wenn einmal irgendein Gast von einem Hoftheater kam, so stach er grell ab von der heimischen Truppe. Auch hat es keiner der ganz großen Schauspieler Deutschlands, mit einziger Ausnahme von Emil Devrient, für nötig und nützlich erachtet, in Erfurt zu gastieren.

Mit der Oper war es noch schlechter bestellt. Wagner ist überhaupt in diesen drei Jahrzehnten (1850-1880) in Erfurt nicht gespielt worden. Wollte man Meyerbeer aufführen, der damals große Mode war und glänzend in die immer stärker veräußerlichte Zeit paßte, so zog man auswärtige Sänger heran. Die Spieloper, Verdi, Weber, Flotow, Lortzing, Donizetti, wurde schlecht und recht gegeben; aber aus einigen Eingesandts an den A. A. ergibt sich, daß die Sänger häufig recht viel zu wünschen übrig ließen.

So blieb es, wie man es seit vielen Jahrzehnten gewöhnt war: wollte der Erfurter im Theater einen wirklichen Kunstgenuß haben, so ging er nach Weimar, das ständig im A. A. den Spielplan bekanntmachte, oder nach Gotha, dessen Theater gleichfalls eine Reihe von Jahren hindurch seine Vorstellungen regelmäßig anzeigte. Trat da oder dort ein besonders berühmter Gast auf, wie Bogumil Davison oder Henriette Sontag, so ließ die Thüringische Eisenbahn einen Extrazug abgehen, der die kunsthungrigen Erfurter bequem hin und zurück brachte.

 

Programm des Soller um 1866

Programm des Soller um 1866

Erf .Allg. Anz 1866, Nr. 47

 

Der Moralist als Kritiker

Der Moralist als Kritiker

Anzeigeseite des Erf. Allg. Anz 1852, Nr. 218

 

Der größte Teil des Publikums aber zog die leichte Kost des Lustspiels oder der Gesangsposse vor. Wer hier die Lachmuskeln zu reizen verstand, hatte gewonnenes Spiele Im Jahre 1858 erschienen einmal nicht weniger als vier Eingesandts im A. A mit der Bitte, der Komiker Ernst Beyer möge das Lied „Ach, ich bin so müde, ach, ich bin so matt” bei der nächsten Vorstellung doch ja wieder singen, und nach ein paar Tagen zeigte auch schon eine Musikalienhandlung dieses Lied für 7½ Sgr. an. Als dann die Offenbachsche Operette ihren Siegeszug begann, fand sie auch in Erfurt begeisterte Aufnahme.  „Orpheus in der Unterwelt”, auf den eine Voranzeige „alle Freunde einer melodiereichen, gefälligen Musik sowie humoristisch-pikanter Vorstellungen” besonders aufmerksam machte, wurde 1861 nicht weniger als viermal gegeben, ein bis dahin fast unerhörtes Vorkommnis.

Dieser Vorliebe der Erfurter für leichte Kost kam das Sommertheater klug entgegen, das alljährlich in Vogels Garten seine Bühue aufschlug. Hier schritt bei Bier und Tabaksqualm die leichte Muse über die Bretter, hier war die Stelle, wo neben dem Volksstück die Zauberposse und das romantische Ritterschauspiel die Erfurter ergötzte, und wieder finden wir die Eingesandts mit der Bitte um Widerholung, wenn etwas Besonderes eingeschlagen hatte, so 1867 drei dringende Bitten um nochmalige Ausführung der Posse „Die alte Schachtel” von Pohl, darunter auch eine in Reimen:

An den Theaterdirektor!

Leise flehe, flehe ich zu dir,
Leise flehen meine Lieder:
Wann sehn, wann sehn nochmals hier
Wir die Alte Schachtel wieder?
Freunde des Schönen.

Die Unterschrift ist das Beste daran.

Das Erfurter Theater war übrigens im Winter ungeheizt, ein etwas ungemütlicher Zustand, der wohl auch nicht dazu beitrug, den Besuch zu erhöhen. Erst 1856 wurde dem ein Ende gemacht. Es heißt damals in einer Anzeige vom Oktober:

Warmes Winter-Theater.

Aus gut unterrichteter Quelle erfahren wir, daß auf der Bühne des hiesigen Theaters zwei neue Öfen aufgestellt werden, auch die Decke derselben verschalt und mit Lehm und Kalk versehen werden wird, wodurch die durch die Öfen erhaltene Wärme sich auch dem ganzen Lokale mitteilen muß und namentlich aller bisheriger Zug, der zu mancherlei Klagen Veranlassung gab, beseitigt werden wird. Diesen Winter werden wir also zum ersten Male warm und gemütlich im Theater sitzen können.

Auch sonst war im Theater manches anders als heute. Noch hatte jedes Bühnenmitglied Anspruch auf einen Benefizabend, dessen Einnahme zum Teil ihm zukam. Streitigkeit und Eifersüchteleien der Mimen, in die auch das Publikum eingriff, und die zu entrüsteten Anzeigen führten, waren die Folge. Im Januar 1858 hatte einmal ein Schauspieler, schwer gereizt durch fortwährende vorsätzliche Störung eines in einer Loge sitzenden Zuhörers, dadurch einen Skandal heraufbeschworen, daß er kräftige, in seiner Rolle liegende Worte in die betreffende Loge hineinschleuderte, wofür der Direktor dann öffentlich um Entschuldigung bat.

Der Herr Theaterdirektoor berichtigt

Der Herr Theaterdirektoor berichtigt

Erf. Allg. Anz. 1852, Nr. 258

Sehr bezeichnend ist auch folgende Anzeige, die sich 1870 findet:

Öffentliche Warnung. Wenn der bewußte Herr am Freitagabend in der Posse Schuster als Millionär meine Person auf die Bühne bringt, so werde auch ich meine Meinung vor dem ganzen Publikum wiederholen. R.

Im Jahre 1868 stellte Teichmann angesichts der immer stärker werdenden Unkosten und verärgert durch die Weigerung der Stadt, einen Zuschuß zu zahlen, den Betrieb in seinem Lokal ein, teilte das Theater in zwei Säle (deren einer der heutige Kaisersaal ist) und eröffnete dafür das „Saison-Theater” in Hellings Garten an der Stelle des heutigen Stadttheaters. Das war der Anfang zu weiterem Niedergang. Immer mehr verlodderte die Erfurter Bühne. Man merkt gerade hier sehr deutlich, wie nach 1870 die Kultur zurückgeht, und wie wenig diese Gründerzeit für geistige Interessen übrig hatte. Kunst wurde kaum noch geboten, oder nur dann, wenn die Stücke den Zeitströmungen entgegenkamen, wie Anzengrubers „Pfarrer von Kirchfeld” der Kulturkampfstimmung jener Jahre. Possen niederster Art gingen über die Bretter, neben Marlitts „Zweite Frau” wurde auch „Das Geheimnis der alten Mamsell” dramatisiert, und als im Jahre 1876 gar „Der geschundene Raubritter, großes Ritter-Schau- und Trauerspiel mit Gesang, Musik, Totschlag, Mord und Geistertanz” aufgeführt wurde, da war ein Tiefstand erreicht, der nicht mehr übertroffen werden konnte.

 

Ironische Kritik . . und die Antwort

Drei Eingesandts im Erf. Allg. Anz. 1864, Nr. 70 u. 71

Die Rettung kam nicht von der Stadt, sondern von der Initiative kunstsinniger Privatleute. Die Herren Lucius, Stürcke, Benary und Treitschke erließen einen Aufruf zur Bildung eines „Konzert- und T heatervereins” in Form einer Aktiengesellschaft, der Anfang 1877 gegründet wurde. Zwar bewies ein Eingesandt im A. A. „zahlen mäßig”, daß es hinausgeworfenes Geld sei, eine Aktie des Vereins zu zeichnen, zwar kamen unausgesetzt Proteste gegen die Lage des neuen Theaters in der „Vorstadt”; diesmal fruchteten sie nicht. Der Verein kam zustande, die Aktien wurden gezeichnet, und am 8. Oktober 1877 konnte das „neu hergestellte” Theater mit Lessings „Minna von Barnhelm” eröffnet werden. Die Weimarer Truppe spielte, von der Oper sah man zunächst ganz ab, Spieltage waren nur Sonntag und Dienstag. So war das Erfurter Theater zwar wieder aus eine höhere Stufe gehoben, aber doch andererseits auch zu einer bloßen Filiale von Weimar herabgesunken.

Musik.

Einen erfreulicheren Anblick bietet das musikalische Erfurt jener Jahrzehnte. Auf gute Musik war hier immer Wert gelegt worden, und die beiden seit den 20er Jahren bestehenden Konzertvereine, der Sollersche und der Erfurter Musikverein, hielten es für ihre Pflicht, dem Publikum Kunst zu bieten, selbstverständlich im Rahmen des allgemeinen Zeitgeschmacks, der in Erfurt Händel, Mendelssohn und später Schumann bevorzugte, Beethoven, Mozart und Haydn recht oft zu Wort kommen ließ, daneben Rossini, Spontini und Cherubini nicht vernachlässigte, Bach dagegen überhaupt nicht brachte. Wagnersche Musik ist in Erfurt zum ersten Male 1857 in Gestalt der Tannhäuser-Ouvertüre aufgeführt worden.

In dem Musikdirektor Golde, der Dirigent des Sollerschen Musikvereius war, besaß man einen tüchtigen Musiker, der einmal sogar (1853) einen ganzen Konzertabend mit eigenen Kompositionen füllte. Von berühmten Künstlern sind Joachim, Hans von Bülow, Thausig und Henriette Sontag damals in Erfurter Konzerten aufgetreten, und Liszt hat einmal 1859 hier ein, natürlich ausverkauftes, Konzert zum Besten von unbemittelten Konfirmanden gegeben, aus dessen Programm u. a. auch Beethovens Eroika stand. Der Seltsamkeit wegen sei erwähnt, daß im März 1862 eine französische Sängergesellschaft ein Kirchenkonzert in der Reglerkirche gab, und daß 1866 die Thüringische Eisenbahn zur Erstausführung der „Afrikanerin” von Meyerbeer einen Extrazug nach Weimar gehen ließ.

Auch das populäre Konzertwesen war in Erfurt außerordentlich beliebt. Neben den „Familienkonzerten”, die die beiden Musikvereine damals noch außer den großen Ausführungen veranstalteten, fanden Sommer und Winter unzählige Konzerte statt, im Ballhaus, in der Karthause, im Ratskeller, in Vogels Garten, im Felsenkeller, bei guter Jahreszeit in Hochheim, ja in Stedten und Molsdorf, und es kam einmal vor, daß die Thüringische Eisenbahn zu einem Golde-Konzert des schlechten Wetters wegen einen Extrazug nach Hochheim abgehen ließ, was beweist, daß dieses Dorf damals noch recht fern von Erfurt gelegen war.

Die störenden Reifröcke

Die störenden Reifröcke

Eingesandt im Erf. Allg. Anz. 1862 Nr. 239

Viel Geld durften freilich diese Konzerte nicht kosten. Als die Musiker im April 1870 den Eintrittspreis zu erhöhen wagten, inszenierten die Erfurter einen regelrechten Streik und setzten es so durch, daß nach wenig Wochen die alten Sätze (1½ Sgr., Damen 1 Sgr.) wieder eingeführt wurden. Die Programme dieser Veranstaltungen, die sämtlich im A. A. veröffentlicht wurden, zeigen im Durchschnitt eine Höhe musikalischeu Geschmacks, die heute unsern Neid erregen könnte. Daß daneben 1860 von einer Musikalienhandlung „Das Gebet einer Jungfrau”, „Die Klosterglocken” und „O bitt euch, liebe Vögelein” angezeigt und natürlich auch gekauft wurden, wird bei manchem von unserer älteren Generation eine mit gelindem Schauder verbundene Erinnerung an ferne Jugendtage wecken.

Bildende Kunst.

Neben der Musik hat die bildende Kunst in Erfurt auch in diesen Jahrzehnten nur eine bescheidene Rolle gespielt. Künstlerisch wertvolle Bauten wurden hier nicht errichtet, wenn man auch fest davon überzeugt war, einen solchen in dem neuen, 1876 vollendeten Rathause zu besitzen, dessen nüchterne und doch auch wieder protzige neue Gothik sich in der alten, vornehmen Umgebung des Fischmarkts parvenumäßig genug ausnahm. Und nicht eine Spur von Schmerz haben die damaligen Erfurter darüber empfunden, daß ihr wundervolles, altes, malerisches Rathaus mit all den Zeugnissen einer vierhundert-jährigen stolzen Geschichte diesem Neuhau zum Opfer fiel, der in Erfurt wohl das stärkste Zeugnis für die klägliche Ohnmacht der Baukunst des 19.  Jahrhunderts und ihre völlige Abhängigkeit von den Stilen der Vergangenheit darstellt. Auch die damals überschwänglich bewunderten Gemälde des Düsseldorfers Janssen im Festsaal des Rathauses in ihrer frostigen akademischen Glätte und realistischen Korrektheit geben nur Akte und Modelle, aber keine Menschen, theatralisches Pathos, aber kein warmes geschichtliches Leben. Wie tief der Geschmack gerade nach dem siegreichen französischen Kriege gesunken war, zeigt mit erschreckender Deutlichkeit das 1876 errichtete Kriegerdenkmal im Hirschgarten, für das seit 1875 im A. A. eifrig gesammelt wurde, und an dessen Geschmacklosigkeit anscheinend niemand Anstoß nahm.

Besser waren die Erfurter mit ihren Ausstellungen daran. Es gab schon 1850 hier eine „permanente Kunstausstellung”, deren Leitung in der Hand des verdienten Zeichenlehrers Dietrich lag, und die ständig im A. A. annoncierte. Sie brachte das damals moderne Kunstgut in recht annehmbarer Auswahl: neben einer Mehrzahl von heute gänzlich vergessenen und unbekannten Tagesgrößen wurden immerhin Waldmüller, Wilh. Begas, Veit, Achenbach, Hübner, Bleibtreu, ja sogar Schwind, Rethel, Menzel und Mareesdamals den Erfurtern vorgeführt. Die größte Anziehnugskraft boten natürlich die großen Historienbilder, riesige Leinwandflächen, aus deren irgendein aufregendes geschichtliches Ereignis mit viel Aufwaud von Statisten in pathetischer Theatralik dargestellt war. Auf solche Bilder wurde in den Anzeigen besonders ausmerksam gemacht, so 1850 aus Hauschilds „Peter v. Amiens Kreuzpredigt”, 1853 auf Lessings „Hussitenpredigt” (heute in der Nationalgalerie), 1857 aus Bendemanns „Jeremias auf den Trümmern Jerufslems” (heute ebenda), 1858 auf „das neueste berühmte historische Gemälde die Erweckung von Jairi Töchterlein von Richter, das in der letzten Berliner Ausstellung so große Sensation in der Kunstwelt erregte” (heute ebenda).

Daneben bildeten die Genre- und Anekdotenbilder das Entzücken des Publikums, das hier natürlich nur den Stoff suchte und schätzte, nicht die Kunst der Darstellung. 1850 wurden der gleichen Gemälde des Düsseldorfers Sonderland (wer kennt ihn heute noch?) von einem Kritiker A. im A. A. mit größter Bewunderung besprochen und vor allem auf das Bild „Der stürmische Freier” hingewiesen, von dem gerühmt wird, es sei „voller Leben und Wahrheit, sowohl was Zeichnung und Kolorit betrisst, als besonders, was Sprechen des Moments”. Derselbe Kritiker rügt dann an dem gleichzeitig ausgestellten Gemälde „Der Rheiu” von Moritz v. Schwind, daß „der sonst so brave Meister” der Hauptfigur keine prägnante Charakteristik” gegeben habe, „durch welche man auf den ersten Blick weiß, was der Künstler damit sagen will” (!).

Seit 1851 von Erfurt aus der Thüringer Kunstverein gegründet wurde, dessen Mitgliedschaft der König und der Kronprinz von Preußen sowie zahlreiche thüringische Fürsten erwarben, wurde die große Sommerausstellung in Erfurt eine fast offizielle Angelegenheit, und schon dadurch für den biederen Bürger von höchster Anziehungskraft, daß der König stets eine Anzahl von in seinem Besitz besinnlichen Bildern dazu herzugeben pflegte, woraus natürlich in den Anzeigen gebührend hingewiesen wurde. Sehr betrüblich ist die Feststellung, daß unter den fast 300 Gemälden, die der Verein in den drei Jahrzehnten unter seinen Mitgliedern verloste, nur ganze zwei von namhaften Malern herrührten, ein Hummel und ein Marrés, der Rest war -- Schweigen: Schicksal aller Kunstankäufe, die nicht von einer Persönlichkeit, sondern von einer vielköpfigen „Kommission” gemacht werden!

Wissenschaft.

Seit Erfurt 1861 seine Universität verloren hatte, konzentrierte sich der noch verbliebene Rest wissenschaftlichen Lebens in der „Kgl. Akademie nützlicher Wissenschaften”, die jedoch in den hier behandelten Jahrzehnten ein ganz nach Innen gewandtes Dasein führte und nur dann an die Öffentlichkeit trat und Anzeigen ausgab, wenn irgend eine besondere vaterländische Feier dazu Veranlassung bot. Nach außen vertraten damals fünf grundverschiedene Männer das wissenschaftliche Leben in Erfurt: der Oberregierungsrat von Tettau, 20 Jahre laug der Durchfallskandidat der Konservativen Partei, einer jener Dilettanten, die es nie zu einer vollwertigen wissenschaftlichen Tätigkeit bringen, der Gymnasialdirektor Prof. Dr. Weißenborn, der Eisenbahndirektor Karl Herrmann, der jüdische Konvertit Paulus Cassel, ein Schönredner ohne Gründlichkeit, und der Mathematiker Prof. Dr. Ephraim Salomon Unger, der 1860 zum Ehrenbürger der Stadt ernannt wurde. Es ist kein Zufall, daß alle diese Männer (mit Ausnahme Ungers) in erster Linie der historischen Wissenschaft zugetan waren, denn die Geschichte hat in Erfurt von jeher eine besondere Pflege gefunden.

Der bedeutendste unter diesen Historikern war zweifellos Karl Herrmann. Er hat für die Erfurter Geschichtsforschung nicht nur selbst Hervorragendes geleistet, sondern auch den Anstoß zur Gründung des Erfurter Vereins für Geschichte und Altertumskunde gegeben, dessen erste Sitzung im Frühjahr 1864 im A. A. angezeigt wurde. Der Bedarf an populärwissenschaftlichen Vorträgen aus geisteswissenschaftlichem Gebiet wurde im wesentlichen von diesen Männern gedeckt.

Der gefährliche Kochlöffel

Der gefährliche Kochlöffel

Eingesandt im Erf. Allg. Anz. 1865, Nr. 11

Daneben regten sich aber mächtig die der Neigung der Zeit viel näher stehenden Natur-Wissenschaften. Schon in den 60er Jahren hatte sich ein „Humboldtverein zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse in Erfurt” gebildet. Daß er nur die Naturwissenschaften pflegte, geht aus seinen Anzeigen hervor. Der Darwinismus war damals das neueste; und so wurde

Die Leipziger Meßwaren sind eingetroffen

Die Leipziger Meßwaren sind eingetroffen

Anzeigenseite im Erf. Allg. Anz. 1854, Nr. 107

 

Kegelschieben

Kegelschieben

Erf. Allg. Anz. 1866, Nr. 95

Erfurter Speisezettel um 1863

Erfurter Speisezettel um 1863

Anzeigen im Erf. Allg. Anz. 1865, Nr. 247

denn auch in diesem Verein im April 1872 ein Vortrag gehalten mit dem Thema: „Der Affe in Beziehung zum Menschen”. Ob der Vortrag, den im Mai 1863 der berühmte Schriftsteller Friedrich Gerstäcker über „Mensch und Menschheit” den Erfurtern zum besten gab, auch ähnlichen Tendenzen huldigte, läßt die Anzeige nicht erkennen.

Dagegen schwamm der Lieblings-„Philosoph” des damaligen Erfurt, Friedrich Tettenborn, der 20 Jahre lang im A. A. seine vielbewunderte „Weisheit” in Vers und Prosa verkündete, ganz in diesem Fahrwasser. Aus dem innersten Herzen der naturwissenschaftlichen Weltanschauung jener Zeit klingt es, wenn er im Januar 1876 die neue Erkenntnis in den Worten feiert:

Das Alte ist vergangen ; es ist Alles neu geworden!
An der Stelle der vor sechstausend Jahren willkürlich erschaffenen Erde, steht der in Myriaden von Jahren durch eigene Notwendigkeit gewordene Planet; statt der Geister und Gespenster sehn wir Leben und Seele in Allem, was ist statt der ganzen Magie der alten Zeit mit ihren Zaubereien, Wundern, Betrügereien, Selbsttäuschungen, eine Welt der ausnahmslosen Gesetze, durch die wir mit dem Gefühl himmlischer Sicherheit und Größe wandeln, so bald wir sie einmal erkannt haben: kurz -- eine neue Welt ist aufgegangen, alle Verhältnisse des menschlichen Lebens sind anders, und noch geht dieser Strom der Naturforschung unaufhaltsam weiter.

Tief bedauern wir die Alten, die, dem Irrtum unterthan,
Nicht die wunderbare Klarheit heutiger Erkenntnis sah'n,
Die bei hohen Geistesgaben seufzend unter Müh und Qual
Selbst ihr Leben freudig wagten für der Wahrheit Ideal.

O wie würden sie sich freuen, sähn sie unserer Tage Glück,
O wie blickten sie mit Wehmuth auf die alte Zeit zurück!
Könnten Sokrates und Christus auferstehn in unserer Welt,
Und sie säh'n das einstige Dunkel gar so zauberhaft erhellt,
Welcher Jubel, welch Entzücken, o wie tauchten sie sogleich
Mit der ganzen Kraft der Seele in das neue Geisterreich!

Und wir sollten rückwärts greifen, Kinder einer großen Zeit,
Die so weit das Abgelebte überstrahlt an Herrlichkeit?
Fort mit allen Rumpelkammern voller Schutt und Moderduft!
Menschheit bade Deine Schwingen in der frischen Morgenluft!
Dulde nicht, daß eine Stunde unbenützt vorübergeht,
Eh' sie ihre goldenen Saaten auch in Deine Brust gesät.

Treffender als hier kann der Hochmut und die maßlose Überschätzung dessen, was man damals „naturwissenschaftlichen Fortschritt” nannte, gar nicht zum Ausdruck kommen. Geradezu grotesk in seiner Anmaßung und seiner fast blasphemischen Unkenntnis vom Wesen großer religiöser Persönlichkeiten wirkt der Hinweis auf Christus. Was hätte er, der nur in Gott und im Geheimnis lebte und webte, mit naturwissenschaftlicher „Erkenntnis” machen sollen, die ja zudem nicht einmal die gerühmte „wunderbare Klarheit” besitzt, sondern im letzten Grunde doch nur aus Hypothesen ruht? Wäre die Selbstgefälligkeit, mit der eine ganz in Naturwissenschaft, Technik, Erfindungen, Börse und Bekämpfung des „religiösen Aberglaubens” aus gehende Zivilisation auf die alte Kultur herabsah, nicht so naiv, man wäre versucht, sie mit bitteren Worten zu geißeln, zumal wir heute in der Lage sind, sie „an ihren Früchten zu erkennen.

Schon dreizehn Jahre vor diesem Hymnus Tettenborns, im Jahre 1863, hatte die Anzeige eines Konversationslexikons im A. A. die Losung der neuen Zeit mit den bezeichnenden Sätzen verkündet:

Fortschritt und Bildung -- das sind die großen Losungsworte unserer Tage. Das Zeitalter, in welchem wir wirken, gestattet Niemanden, sorglos in den Tag hineinzuleben, es richtet die weitesten Anforderungen an sein Geschlecht, und der Fortschrittn, der mit jedem Tage das Geburtsfest einer neuen Erfindung feiert, mit jedem Abende die Leiche eines veralteten Standpunktes zu Grabe trägt (!), und den leuchtenden Strahl der Forschung in die noch dunkeln Gebiete des Lebens sendet, schreitet blind und unbarmherzig nicht allein über diejenigen hinweg, welche sich dem rollenden Rade der Zeit entgegenstemmen, sondern auch über die, welche in ihrer Schwäche auf der Bahn des Vordringens nicht gleichen Schritt halten können.
Wer heute die Ansprüche mißt, welche an unsere junge Generation gestellt werden, betrachtet, wie in jeder Branche der Wissenschaft und Erwerbstätigkeit Schwierigkeiten aufgethürmt, für jede Carriere neue Prüfungen ersonnen, stets weitere Ziele gesteckt werden, --
wer die höheren Aufgaben und die Verbesserungen der Schule sieht, und sich nicht, wenigstens auf dem Gebiete allgemeinen Wissens, von seinen    Kindern überholt sehen, bei ihren Fragen nicht verlegen erröthen will --
und wer in unserer Zeit täglich und überall den Sieg  der Intelligenz,  die Machtstellung und den Einfluß allgemeiner Bildung und Kenntnisse sieht, dem    drängt sich die Einsicht der unabweisbaren Notwendigkeit auf, die Lücken des eigenen Wissens auszufüllen, die großen Resultate menschlicher Forschung kennen zu lernen, sich Kenntnisse von allgemeinem Nutzen anzueignen und so mit dem Fortschritte der Zeit gleichen Schritt zu halten.
Denn wenn Bildung  Brod, so ist Unwissenheit Tod; und ein Beharren in letzterer führt zu intellectuellem und materiellem Ruin.

Frauenbildung.

In der Tat begann man das auch allmählich einzusehen. Bestrebungen kamen auf, auch die jungen Mädchen dieser Bildung teilhaftig werden zu lassen. Ein junger Dr. Neubauer in Erfurt, der damals Direktor einer Mädchenschule war, hatte seine Ansichten über die Notwendigkeit eines wissenschaftlichen Unterrichts für Mädchen irgendwo veröffentlicht, mußte sich aber von den „104 im Erfurter Lehrerverein vereinigten Volksschullehrern” in einem Eingesandt des A. A. folgendes sagen lassen:

„Wie viel Gewicht aber Ihrem Urtheile über das Wesen des Elementar-Unterrichts und über die Unfähigkeit der Elementar-Lehrer, mit Erfolg an Ihrer h. Töchterschule zu unterrichten, überhaupt beigelegt werden darf, das geht unzweifelhaft aus der Auffassung hervor, die Sie von dem Bildungsbedürfnisse der weiblichen Jugend und von der Art und dem Umfange der Mittel haben, durch welche dasselbe Ihrer Meinung nach zu befriedigen ist. Herr Direktor einer Mädchenschule, Sie deducieren das, was für diese und in ihr geschehen müsse, aus dem, was an den höheren Knabenschulen, also an Gymnasien und Realschulen Ihrer Ziele und Zwecke halber für berechtigt gilt und gelten darf? Sie verlangen für zehnjährige Mädchen einen überwiegend wissenschaftlichen Unterricht, weil die zehnjährigen Knaben des Gymnasiums einen solchen erhalten? Sie glauben wirklich an die Möglichkeiten, „die Jungfrauen” Ihrer höheren Töchterschule in der Zeit „vom 6. bis 17. Lebenswahre” oder, wie Sie sagen, „in noch kürzerer Frist mit einer vollständigen, wissenschaftlichen Ausbildung” ausrüsten zu können? Ja, Sie hoffen sogar, daß diese An- und Aussichten Niemanden befremden würden, dem es um die geistige und Herzensbildung der weiblichen Jugend ernst sei und der es sich zum Bewußtsein gebracht habe, welche trübselige Rolle weibliche Unwissenheit, weibliche Geschmacksverbildung, ja weibliche Roheit . . . in unserm Familienleben etc. spielen”? Geehrter Herr! Gerade weil wir uns dessen bewußt sind, haben wir eine andere Meinung als Sie, von dem, was die Schule für die weibliche Erziehung wirklich zu leisten die Pflicht hat und im Stande ist. Oder sollten Sie wirklich keine Ahnung von der Unterschiedlichkeit haben, welche in der Erziehung des Knaben und Mädchens schon dadurch gegeben ist, daß diese im Interesse der Familie und des Hauses auf die Entwicklung der naturgegebenen Weiblichkeit gerichtet sein muß, während jene die Wissenschaftlichkeit als einen Träger des künftigen Berufs im öffentlichen Leben zu erzielen die Aufgabe hat? Sie wissen nichts davon, daß mit Hinblick auf Bestimmung und sexuelle Anlage des Mädchens die Wissenschaftlichkeit in dem für dasselbe bestimmten Schul-Unterrichte nach dem feststehenden Urtheile unserer bedeutendsten Pädagogen geradezu auszuschließen ist, wenn er nicht verderblich wirken, nicht Scheinbildung und Überhebung herbeiführen, nicht von dem gegebenen Berufe, eine glückliche Häuslichkeit zu fördern, fort, und zun unbefriedigten Streben nach Schrankenlosigkeit hinüberleiten soll? ”

Die guten Lehrer konnten freilich nicht wissen, daß die Zeit nicht mehr ferne war, in der auch die jungen Mädchen sich für einen „Beruf” vorzubereiten haben würden. Oder wirkte hier etwa noch die im Mittelalter häufig erörterte Frage nach, ob die Frauen nicht überhaupt als minderwertige Geschöpfe anzusehen seien? Im Jahre 1861 war wenigstens im A. A. ein Büchlein angezeigt worden (Preis 5 Sgr.): „Beweis, daß die Frauenzimmer eigentlich keine Menschen sind. Von Justus Wallfisch.” Worauf sofort irgendein Erfurter Ehemann, natürlich anonym (denn man kann ja nie wissen --), die Verse einrücken ließ:

Der Wallfisch ist ein schlauer Hecht,
Sein Buch ist vielen Männern recht.

Die große Mode.

Die große Mode.

Modenbeilage des Erf. Allg. Anz. 1858, Nr. 279

Aber auch die Frauen rückten an. In der Meinung, daß der Hieb die beste Verteidigung sei, erschien „vorrätig in allen Buchhandlungen, Preis 5 Sgr.” ein Büchlein unter dem streitbaren Titel: „Was sind die Männer? Unmenschen, also keine Menschen. Von Clara Mittentzwei, welche das Unglück hatte, viermal verheiratet zu sein”.

Von ähnlichem Kaliber muß die Frau eines Erfurters gewesen sein, der 1855 in einer schwachen, oder vielmehr starken Stunde eine Anzeige aufgegeben hatte, in der er warnte, seiner Frau irgend etwas zu borgen. Schon drei Tage später mußte er das de- und wehmütige Bekenntnis veröffentlichen:

Durch ein unglückseliges eheliches Mißverständnis wurde meine Wirtschaft einige Tage trübe gestört; jedoch hat von heute ab in Übereinkunft mit meiner Frau alles wieder seinen geregelten Fortgang. So nehme ich auch die im A. A. übereilte Anzeige hiermit wieder zurück

Armer Mann! Was muß diesem Rückzug vorausgegangen sein?

Putzsucht.

Sollte Dr. Neubauer vielleicht der Meinung gewesen sein, die wissenschaftliche Bildung, die er für die Mädchen forderte, könne der allzu frühen Betätigung des Flirtens oder doch mindestens der weiblichen Putzsucht entgegenwirken? Wie es mit ersterer stand, verrät eine „Bescheidene Anfrage” von 1860:

„Sollte es nicht ratsamer sein, wenn ein Mädchen von 14 Jahren, anstatt einer gewissen Ursache willen an einem Tage 31mal die Schlösserstraße zu passieren, lieber zu Hause nähen und kochen lernte? ”

Aber auch über den Toilettenluxus wurde geklagt. Im Jahre 1865 las man folgenden

Vorschlag zur Güte.
Es wäre bester, wenn die hiesigen Jünglinge dem Beispiel der Marseiller folgten, damit die hiesige junge Damenwelt endlich einmal zu Verstande käme, denn wenn gegenwärtige Putzsucht beim schönsten Geschlecht im fortschreitenden Maaße so um sich greift, dann -- Ade Kochbuch! Den Herren Modisten wäre aber für die Zukunft nur anzurathen, ihr Lager zu vergrößern. -- --
Einer aus der guten alten Zeit.

Nun war freilich die Damentoilette damals eine etwas komplizierte und kostspielige Sache. Die Holden staken in -- Krinolinen. Die ungeheuren, tonnenartigen Reifröcke boten der Männerwelt Anlaß zu allerlei ironischen Scherzen. Im Jahre 1858 erschien gar im A. A. auf die Krinoline ein Kranz von Sonetten, deren letztes die Zweckmäßigkeit dieses Monstrums auf dem Eise preist:

Ärgern dich die Krinolinen?
Menschenkind, sei klug und weise
Und bezweifle auch nicht leise,
Daß sie großen Zwecken dienen.

Herrlich, wie beim Wäldergrünen,
Herrlich sind sie auf dem Eise,
Ja, in ihrem Zauberkreise
Heitern sich die strengsten Mienen.

Bei des Ostwinds rauhem Pfeifen
Ist ein solcher Tonnenreifen
Allen denen zu empfehlen,
Welche sich mit Rheuma quälen;
Und wie praktisch erst beim Falle! --
Hier sind die Sonette alle.

Ein Konzertbesucher bittet 1862 die Damen, den „heroischen Entschluß” zu fassen, an Konzertabenden „die so beliebte Krinoline ein wenig zu beschränken. Es wurden dadurch wenigstens noch 50 bis 60 Zuhörer Sitzplätze erhalten können.”

Die Erfurterin im Spiegel der Anzeigen.

Ja, die Damen! Unzählige Anzeigen beschäftigen sich mit ihnen, von der sentimentalen Liebeserklärung in Versen bis zu dem Verzweiflungsschrei, der im Januar 1861 ertönt: „O, Pauline! hätte ich Dich nie gesehen! hätte mein Mund den Deinen nie geküßt”; von der Aufforderung (1855) an Frl. H., nicht mehr die Lehmannsbrücke zum Stelldichein zu wählen, „sondern einen andern Platz, wo wir ungehindert sein können”, bis zur schnöden Absage (1857): Au L. R.

Gräm dich nicht,
Schäm dich nicht,
Sei nicht ungeduldig!
Da ich dich nicht mehr lieben kann,
Bleib ich die Antwort schuldig.

Welch feines Gift steckt in den süß-herzlichen Worten, mit denen mehrere „Freundinnen” ihrer „lieber Emma zum 35. Geburtstage” gratulieren (1856), während der Mann mit gröberen Waffen verwundet, wenn er anzeigt (1858): „Liebes Kind, zu Deinem 41. Geburtsfeste wünscht Dir das Allerbeste Dein Geliebter X.”, oder wenn es 1874: gar heißt: „Barbara G.... r! Deine früheren Liebhaber gratulieren Dir. ”

Aber auch die Damen selbst überwinden zuweilen ihre jungfräuliche Zurückhaltung und machen den Männern Avancen. So 1872 in der kurzem flehenden Bitte:

Lieutnant K.,
Komm doch ja!
Denn Lenchen H.
Wartet ja!

Oder 1854 in einer Anzeige, in der ein Mädchen, unfähig, ihre Ungeduld länger zu zähmen, ihren schwerfälligen Liebhaber zur endlichen Offenbarung seiner Gefühle und zur Werbung auffordert:

wohlmeinender Rat.

Höre, lieber, junger Bursche,
Geb doch nicht so oft vorbei,
Und vor allem schau nicht rückwärts,
Ob ich auch am Fenster sei.
Böse Nachbarn sehen alles,
Und sie reden ohne Scham,
Daß mein guter Ruf nun leidet,
Statt der Freude hab ich Gram.

Schick doch lieber deine Mutter,
Daß sie mit der Mein'gen spricht;
Dann kann alles richtig werden,
Und ich gräm mich weiter nicht.

Worauf dann einige Tage später die entzückende Antwort erfolgt:

Was du jüngst in diesem Blättchen
Wohlgemeint zum Druck gebracht,
Hat im ganzen lieben Städtchen
Wilden Aufruhr angefacht.
Gilt -- fragt jeder sich betroffen,
Der schon oft das Pflaster trat,
In verschwiegener Liebe hoffen --
D i r der wohlgemeinte Rath
Da auch ich von all den hundert
Unglückseligen einer bin,
Der so schmachtend dich bewundert,
Werf ich dir den Handschuh hin,
Heb ihn auf, doch nicht allein ihn,
Heb auch deinen Ritter auf,
Lindre seine Liebespein ihm,
Schließ ihm deinen Himmel auf.
Wenn ihn also deine Gnade
Hochbeselgend angelacht,
Wird der Fensterpromenade
Sicher auch ein End gemacht:
Mütter aber, liebes Mädchen,
Wo zwei Herzen und ein Schlag,
Sind -- frag nur im ganzen Städtchen --
Überflüssig heutzutag.

In andere Regionen der Weiblichkeit werden wir geführt, wenn 1866 einer droht: „Wir erbitten uns, daß die nächtliche Ruhe im Hause Hügelgasse von der wohlbekannten Meisterin nicht fernerhin gestört wird, widrigenfalls der Polizei die nötige Anzeige gemacht wird.” Oder wenn ein Hausbesitzer über Schlägereien zwischen Mieterinnen berichtet:

Publikandum.
Das Gerücht, welches in hiesiger Stadt verbreitet, in meinem Hause Weißegasse wäre eine Frau totgeschlagen worden, wobei auch mein Name in Berührung gebracht wird, ist gänzlich unbegründet, da mir als Hauswirt der Exceß zwischen meinen beiden Mietsfrauen nichts angeht, und auch kein Totschlag verübt worden ist.
Heinr. Franke, Tischlermeister.

Uns erscheint es heute fast komisch, daß derartige Dinge durch Anzeigen an die Öffentlichkeit gebracht wurden. Aber man vergißt zu leicht, wie unendlich kleinstädtisch es damals in Erfurt zuging, das nur 30000 bis 40000 Einwohner hatte. Jeder kannte und kontrollierte den anden; auf Schritt und Tritt stand der ehrsame Bürger unter der Aufsicht seiner lieben Mitmenschen. Man hatte ja auch Zeit genug, denn die moderne Arbeitshetze war noch so gut wie unbekannt. Wenn Geschäfte annoncierten, so gaben sie niemals die Straße an; jeder Erfurter wußte, wo das anzeigende Geschäft zu finden war.

Geschäftsanzeigen.

In diesen Anzeigen begegnen sich nun in seltsamer Mischung alte und neue Zeit. Wenn sich 1851 ein Anfertiger von Silhouetten einem hohen Adel und geehrtem Publikum empfiehlt, so zeigt in demselben Jahre ein Herr v. Eckardstein die ersten Photographien, „Lichtbilder aus Papier”, an, wobei er sich auf bekannte Erfurter Persönlichkeiten beruft, die er photographiert hat, und zur nämlichen Zeit wird dem Publikum empfohlen, sich bei der Frankierung von Briefen der neuen Briefmarken zu bedienen, die auf allen Postanstalten zu haben seien. Die Eisenbahn ist zwar schon da, aber erst in ihren bescheidenen Anfängen; wer nicht gerade nach Weimar oder Gotha will, muß die Post benutzen, oder eine Fahrgelegenheit abwarten, die häufig angezeigt wurde, etwa (1859): „Heute Sonnabend geht von hier ein bequemer Reisewagen nach Mühlhausen Wer denselben benutzen will” usw.

Ein alter Inserent

Ein alter Inserent

Anzeige im Erf. Allg. Anz. 1853, Nr. 139

Schönheitsmittel um 1852

Schönheitsmittel um 1852

Anzeige im Erf. Allg. Anz. 1852, Nr. 263

Das Reisen war eine große und umständliche Angelegenheit. Daß man in eine Sommerfrische ging, geschah sehr selten. Die erste Sommerfrischenanzeige erschien 1856, und zwar war es ausgerechnet Suhl, das sich als Sommeraufenthalt empfahl. Wollte man sonst eine kleine Erholungsreise machen, so suchte man häufig Gefährten. „Diejenigen, welche eine kleine Reise nach Rudolstadt, Schwarzburg etc. mitmachen wollen, beliebe es, sich zur näheren Besprechung heute Abend in Freunds Kaffeehaus eiuzufinden”, liest man 1855. Von Bädern annoncierte nur Wildungen, daneben natürlich Schwefelbad Tennstädt und die Soolbäder Stotternheim und Langensalza. Wie bescheiden man damals war, ergibt sich aus einem Gedicht von 1872, in dem einige Freunde dem „zu seiner Erholung in Ilversgehosen weilenden Rentner Flucke” zum Geburtstag gratulierten; und 1865 zeigt der Sollersche Musikverein für seine Mitglieder eine „Landpartie nach Hochheim” an! Rhoda, Stedten, Molsdorf, Gispersleben waren die beliebtesten Ausflugsorte.

Volksfeste.

In Erfurt selbst wurden alle alten Volksfeste noch gebührend gefeiert: im Frühjahr die Spittelkirmse, zu der selbst der erste Gasthof der Stadt, der „Römische Kaiser”, ein besonders feines Austernfrühstück und ein „Festdiner” das „Couvert” zu 20 Sgr. anzeigte, im Juli das Fischfest, denn damals gab es wirklich noch Fische in den verschiedenen Armen der Gera, im August das Vogelschießen, während dessen das Löbertor bis Mitternacht offen blieb, dann der „Grüne Montag” und schließlich die Kirmsen der verschiedenen Pfarreien.

Die Anzeigen verraten uns anch die Lieblingsspeisen der damaligen Erfurter: Salzknochen mit Meerrettich und Rippenbraten mit rohen Kartoffelklößen. Denn immer und immer wieder zeigen die Wirtschaften diese beiden zum Reiche des Schweines gehörenden Gerichte an, sehr selten etwas anderes. Auf dem gleichen Wege können wir feststellen, daß der damalige Modehund in Erfurt der Affenpinscher war; eine Dame in der Krinoline und so ein kleiner Hund, das waren offenbar pikante und daher gesuchte Gegensätze.

Ein Fest war auch die Eröffnung der Jagd, bei der jeder Bürger, der im Besitz eines Schießprügels war, hinauszog, so daß die Flur von Schützen wimmelte, die sich gegenseitig im Wege standen, viel vorbeischossen und schließlich bei Bier und Bratwurst ihren Mißerfolg zu vergessen suchten. Daß übrigens die Puffbohne schon damals ihre Rolle spielte, ist selbstverständlich; 1857 wurde ihr zu Ehren ein ganzes Gedicht veröffentlicht, darin eine Strophe lautete:

So mancher Hochwohlweiser
Verächtlich von dir spricht,
Nennt uns wohl Puffbohniter,
Doch wir vergelten's nicht.
Er kennt nicht dein Ambrosia.
Vivat, Vivat Puffbohnia.

Feuersbrünste.

Manchmal wurde freilich ein Fest durch den unheimlichen Feuerläum (eventuell Druckfehler und soll Feuerlärm heißen???; Anm. d. Webmasters) gestört, der von den Kirchtürmen schallte und Schrecken verbreitete. Feuersbrünste waren damals sehr häufig in Erfurt. Immer und immer wieder begegnen wir Anzeigen, in denen abgebrannte Bürger den getreuen Nachbarn oder den Turnern für die geleistete Hilfe bei Bergung ihrer Habe danken. Leider waren die Retter dabei nicht immer ganz uneigennützig; die geretteten Sachen verschwanden vielfach, und es kam dann zu Anzeigen, von denen hier nur eine als typisch für alle anderen mitgeteilt sei (186^):

Den Herren Turnern für die Rettung meiner Möbel herzlichen Dank. Diejenigen, welche Gegenstände von mir in Händen haben, bitte ich, dieselben mir schleunigst zurückzugeben, entgegengesetzen Falles ich dieselben (!) gerichtlich belangen werde.

Es hat gebrannt!

Es hat gebrannt!

Erf. Allg. Anz. 1854, Nr. 90

Die Familienfeste wurden häufig an die Öffentlichkeit gezogen. Die Geburtstagsglückwünsche nahmen im A. A. einen breiten Raum ein. Nicht nur Freunde gratulierten und deuteten zart an, daß sie „Durst” hatten, nicht nur schüchterne Liebhaber wagten hier ihren Gefühlen mehr oder minder deutlichem Ausdruck zu geben, auch Kinder gratulierten ihren Eltern durch das „Blättchen”, ja, es kam vor, daß man sogar kleinen. Kindern von zwei bis vier Jahren auf diesem Wege einen Glückwunsch sandte.

War hier schon vielfach das Gedicht zur Mode geworden, so spielte vollends bei Nachrufen auf Verstorbene der Vers eine maßgebende Rolle. Zur Ehre der damaligen Erfurter sei aber gesagt, daß diese Verse meist gar nicht unübel waren, jedenfalls aber besser als die, die heute zu den gleichen Gelegenheiten fabriziert werden.

Anonyme Anzeigen.

In den 50er und 60er Jahren war es Sitte in Erfurt, auch private Streitigkeiten mit den lieben Mitmenschen im A. A. auszutragen, natürlich anonym, oder unter Chiffre. Hier entlud sich aller aufgespeicherte Groll, hier wurde geschimpft, gedroht, verdächtigt, verteidigt und beleidigt, daß es eine Art hatte.

Aus jedem Wort der Annonce vom 26. D. Mts. blickt niederer Neid und Gemeinheit hervor. Ich bin der Mann nicht, solche Gemeinheiten zu erwidern. Was ein Esel spricht, das acht ich nicht. (1850)

Die altgewordene A. B. würde wohler thun, sich in ihre früheren Verhältnisse, z. B. in die Papierfabrik zu begeben, als gegenwärtig die Ruhestörerin in einer Familie zu sein (1849)

Warnung!
Stellt euer Holz nicht aus den Gang!
Frau H. H. macht die Finger lang.
Nachts 11 Uhr schleicht sie noch umher
Und sieht, ob nichts zu klauen wär.

Herr Rentier! Es wäre recht zu wünschen, daß Sie dem obscuren Frauenzimmer, welches Sie stets in ein hiesiges öffentliches Gartenlokal begleitet, einen anderen Platz anwiesen und dasselbe nicht in Gesellschaft anständiger Leute brächten. Eine öffentliche Zurechtweisung steht Ihnen im Wiederholungsfalle bevor. R. S. R. H. G. E. W. (1872)

Unterhaltung im Theater

Unterhaltung im Theater

Erf. Allg. Anz. 1866, Nr. 18

Welcher Groll eines empörten Sohnes spricht aus einer Auslassung von 1850:

Um allen Irrtum zu vermeiden, fühle ich mich genötigt, bekannt zu machen, daß ich nicht derjenige bin, der am 6. d. Mt s. Hochzeit macht, sondern Adam Theodor Martin, 67 Jahre alt, mit Luise Klausner, 31 Jahre alt. Darum muß ich bitten, mich mit Hochzeitsgeschenken zu verschonen.
Joh. Martin junior.

Feiner und spitziger ist eine ,,Verloren”-Anzeige von 1857:

Louischen D .... ist beim Tischlerball auf dem Schießhaus abhanden gekommen, Der ehrliche Finder wird höflichst gebeten, sie als Andenken zu behalten.

Ein Menschenfreund

Ein Menschenfreund

Erf. Allg. Anz. 1865, Nr. 154

Verhältnismäßig selten sind dagegen die Fällen wo sich ein beleidigtes Gemüt an die Öffentlichkeit wendet, um Abhilfe zu verlangen für etwas, was ihm als Unfug oder öffentliches Ärgernis erscheint. Am häufigsten wird über die Roheit der Schuljugend geklagt -- sehr merkwürdig, denn wenn man die heutigen Auslassungen darüber liest, sieht es so aus, als ob in der „guten alten Zeit” dergleichen gar nicht vorgekommen wäre! Auch der Sittlichkeitsapostel fehlt nicht, der sich über ,,schamloses Baden” (1850) entrüstet. Ein einziges Mal ist das schlechte Bier Gegenstand der Beschwerde in einer „bescheidenen Anfrage” von 1867. Offenbar war aber damit ein wunder Punkt berührt. Denn sofort erschien ein Eingesandt, das in dieselbe Kerbe hieb: „Auf die bescheidene Anfrage wird erwidert, daß der ausschenkende Bierbrauer das Malter Gerste auf 100 Thlr. bringt, da er nur so viel Malz und Hopfen dazu nimmt, daß der Name -- Bier -- nicht verloren geht, Die Hauptbestandteile sind Spiritus, Lackritzen, Farbe, schwarze Seife, nicht zu wenig Wasser”; worauf ein zweiter Trinker in einem ferneren Eingesandt grimmig als Ergänzuug hinzufügte: „Bei dem neulich gegebenen Lagerbier-Rezept waren Weidenschalen und Coriander vergessen, -- sonst alles richtig.”

Wenn in Erfurt, dessen Straßenrinnen damals Jauche, Abwässer und dergleichen wohlriechende Flüssigkeiten mit sich führten, über Beleidigung der Geruchsnerven Klage geführt wurde, so müssen die Düfte schon recht stark gewesen sein. Im Sommer 1864 erschien die „Bescheidene Anfrage”: „Könnte nicht von Seiten der Polizei gegen den die Langebrücke verpestenden, allen Vorübergehenden Ekel erregenden Käseladen eingeschritten und Abhülfe geschaffen werden? Einer für viele.” Der Beschwerdesührende scheint in der Tat nicht übertrieben zu haben, wie die entrüstete Antwort des Käsehändlers beweist:

An den Käsedenunzianten!
Die Polizei willst stören Du
Mit Deiner superfeinen Nase
In ihrer wohlverdienten Ruh'
Und hetzen sie auf Küwe-Kase
Wie sehr der Käse auch mag riecheu,
So schmeckt er immer noch sehr gut,
Selbst wenn auch Maden aus ihm kriechen.
So hemme Deine Käsewut!

Der geschäftstücktige Witwer

Der geschäftstüchtige Witwer

Erf. Allg. Anz. 1866, Nr. 12

 

Krieg und Belagerung drohen

Krieg und Belagerung drohen

Erf. Allg. Anz. 1866, Nr. 133

 

Die Sieger von 1866 kehren zurück

Die Sieger von 1866 kehren zurück

Erf. Allg. Anz. 1866, Nr. 205

Liebesgaben!

Liebesgaben!

Erf. Allg. Anz. 1866, Nr. 157

Man glaubt zu sehen, mit welch schmunzelndem Behagen die Erfurter morgens beim Kaffee oder abends am Stammtisch derartige Anzeigen gelesen und besprochen haben, zumal die Anonymität meistens recht durchsichtig war. Noch mehr Vergnügen werden sie gehabt haben, wenn Firmen oder gar Zeituugen miteinander stritten. Als 1851 ein Isidor Katz aus Kassel im Rheinischen Hof, der damals noch den schönen alten Namen „Schlegendorn” führte, einen vorüber-gehenden Ausverkauf von Textilwaren recht groß anzeigte, wahrscheinlich von einer eingesessenen Erfurter Firma, folgendes Eingesandt, natürlich in Versen:

Zur gefälligen Beachtung!
Bei den Offerten jetzger Art
Wird weder Geld noch List gespart.
Doch wer Erfahrung hat, der spricht:
Traut einer fremden Katze nicht;
Sind gleich die Pfoten glatt und weich
Zuletzt kratzt sie -- drum hütet Euch!

Worauf der schlagfertige Isidor Katz zwei Tage später die Antwort folgen ließ:

Ein Vers in diesem Blatte spricht
Trau einer fremden Katze nicht!
Allein nun dieser Stimme Mund
Gehört wahrscheinlich einem Hund,
Der neidisch auf die Katze ist,
Weil sie des Hundes Fleisch wegfrißt.

Am 1. Januar 1859 erschien als neues Unternehmen die liberale „Thüringer Zeitnug” bei Bartholomäus auf dem Anger. Diese Neugründung war natürlich aus politischen und Geschäftsgründen der konservativen, bei Cramer in der Arche verlegten „Erfurter Zeituug” nicht angenehm, und sie machte diesen Groll in einer mehr wehmütigen als angreifenden -- natürlich anonymen Anzeige im A. A. folgendermaßen Luft:

So ist es doch eine Wahrheit geworden; wir erhalten neben der Erfurter noch eine Thüringer Zeitung. Alles Neue lockt, und es wird viel versprochen. Was davon gehalten werden wird, kann nur die Zukunft lehren. Wer seine Zeit nutzen und sie sich nicht durch das Lesen eines Schwalls meist überflüssiger Artikel schmälern lassen will, dem bietet die Erfurter Zeitung gerade genug. Sie hält sich fern von politischen Raisonnements, gibt nur Tatsachen, und der ehrenwerte Charakter des Herausgebers ist allgemein bekannt. Wozu also noch eine neue Zeitung? Sie will ein größeres Publikum heranziehen und steckt die Fahne der Thüringer Zeitung aus. Aber Erfurt gilt doch als Hauptstadt von Thüringen, und so laßt uns hübsch in Erfurt bleiben und nicht nach dem zerfahrenen Thüringen umhersuchen!

Aber schon nach einem Jahr gerieten die beiden Zeitungen einander in die Haare. Ein wüster Zank begann, der solche Formen annahm, daß sich ein längeres Eingesandt im Herbst 1861 in übermütigem und überlegenem Tone mit ihm beschäftigte:

Der Frosch- und Mäusekrieg.
In Erfurts Mauern ist der Schrecken groß,
Die Kriegsfury ist an der Gera los.
Gesprengt sind alle Zeitungsbande,
Man kämpft zu Wasser und zu Laude:
Aus Archen und aus Angern streiten
Erboste Gegner sich aufs Blut.
Man fragt erstaunt, wer von den beiden
Sich selbst den größten Schaden tut, etc.

 

und zuletzt Waffenruhe forderte:

Laßt beide jetzt die Waffen ruhn!
Das Publikum hat damit nichts zu tun.

Der erste Photograph

Der erste Photograph

Anzeige im Erf. Allg. Anz. 1852, Nr. 264

Die tüchtige Frau Forelle

Die tüchtige Frau Forelle

Anzeige im Erf. Allg. Anz. 1866, Nr. 6

 

Ob man dagegen die Verstöße gegen Stil und Logik, die zuweilen vorkamen, so allgemein empfunden hat, erscheint fraglich. Für uns heute haben solche Anzeigen etwas unwiderstehlich Komisches: „Ich leiste von jetzt ab für meine Frau, welche sich bei ihren Eltern, Fleischermeister G., Löberstraße, aufhält, keine Garantie noch Gewähr. K. B. (voller Name) jun.” (1865.) Oder: „Das Verhältniß meiner Tochter zu dem Handarbeiter Heinrich D. erkläre ich wegen mir unbekannt gewesenen Umständen als ungültig A. G.” (1858). Oder: „Wegen Familien-Verhältnissen hinsichtlich meines Vaters G. F. und insbesondere meiner Stiefmutter muß ich das bittere Gefühl in mir unterdrücken und mein Vaterland verlassen und nach Amerika gehen. Infolgedessen bin ich gesonnen, mein Wohnhaus etc. zu verkaufen. Gamstedt bei J. St.”

Auswanderung.

Wie viele gingen damals nach Amerika! Es war die Zeit der großen deutschen Auswanderung. Im Iahre 1852 zählte man allein aus Suhl und Umgebung 300 Auswanderer, und am 16. April desselben Jahres wurden in Bremen einmal 6000 Europamüde eingeschifft. In den beiden Jahrzehnten zwischen 1850 und 1870 bildeten die Anzeigen der Schiffsagenten und der Schiffahrtslinien eine ständige Rubrik im A. A. Und viele Abschiedsanzeigen der Auswanderer finden wir in seinen Spalten! Aber auch von drüben kamen Grüße: „Es erinnert sich in weiter Ferne und grüßt alle Freunde und bekannte recht herzlich, die sich ihrer erinnern, Eleonore Bauer in St. Franzisco.”

Im Iahre 1852, als der A. A. noch hier und da Text brachte, erschien auch ein Artikel über die Auswanderung. Es wird dort gesagt, die europäischen Regierungen fingen an, über die Zunahme der Auswanderung unruhig zu werden, die ihnen so viel Menschen entziehe. Aber dem Verfasser scheint dies massenhafte Einströmen von Europäern in die Neue Welt noch aus einem anderen Grunde bedenklich: er fürchtet für die Zukunft Europas, wenn sich Amerika so rasch weiter entwickle, dies Amerika, wo wir Ereignisse sich vorbereiten sehen, die vielleicht schon in weniger als einem Jahrhundert das ganze Festland von Europa mit allen seinen historischen Rechten, seinen hundertjährigen Dynastien, seiner zahlreichen Aristokratie und seiner weitumfassenden Gelehrsamkeit auf eine untergeordnete Stufe politischer und materieller Wichtigkeit versetzen werden.”

Poetische Geschäftsanzeige

Poetische Geschäftsanzeige

Erf. Allg. Anz. 1873 Nr. 297

Wenn wir heute, im Jahre 1926, diese Worte lesen, so wissen wir, daß der unbekannte Verfasser des Aufsatzes im Erfurter Allgemeinen Anzeiger von 1852 ein Prophet gewesen ist.

III: Die letzen 40 Jahre

1.  Zeitung und Stadt.

Im Januar 1882 erschien im A. A. ein Hymnus auf das neue Erfurt. Man rühmt die eben entstandenen „stolzen Gebäude des Dalbergsweges, der Luisen- und Wilhelmstraße” (!) und das werdende Außenviertel „vor dem Löbertor”, man weist auf den wachsenden Verkehr und die steigende Einwohnerzahl, man zählt die großen Verbesserungen auf, die auf allen Gebieten des städtischen Lebens in der Ausführung begriffen oder geplant sind, man fühlt sich des kommenden Aufstiegs sicher, wird ungerecht gegen alles Alte, von dem ein gutes Teil durch Abbruch oder Straßendurchbrüche rücksichtslos beseitigt wird, und schließt mit dem hochmutigen Satz: „Es überkommt einen das Gefühl der Freiheit, wenn man die Gegenwart mit der Vergangenheit vergleicht.”

Rechts gehen!

Rechts gehen!

Erf. Allg. Anz. 1867, Nr. 272

 

Die Zeit von 1880 bis 1914 umfaßt in der Tat die Entwicklung Erfurts zur modernen Großstadt -- wenigstens äußerlich. Die Tatkraft des von vielen, am Altgewohnten hängenden Bürgern heftig bekämpften Oberbürgermeisters Breslau trug ihre Früchte. Befreit von der einschnürenden Befestigung, begann Erfurt freier zu atmen, drängte über den alten Umwallungsgürtel hinaus und füllte gleichzeitig die noch unbebauten Flächen im Westviertel mit Straßen und Häusern. Neue Industrien siedelten sich an, die Einwohnerzahl wuchs von Jahrzehnt zu Jahrzehnt und überschritt zu Anfang des neuen Jahrhunderts schon die Hunderttausend. Der vielbefehdete Flutgraben machte der Überschwemmungsplage ein Ende und leistete im Verein mit der neuen Quellenwasserleitung Unschätzbares zur Sanierung der bisher stets von Seuchen heimgesuchten Stadt.

Der Verkehr hob sich von Jahr zu Jahr; immer mehr stellte sich die selbstverständliche, auf der geographischen Lage beruhende Tatsache heraus, daß Erfurt den von Natur und Geschichte gegebenen Mittelpunkt ganz Thüringens bildet, und daß das Wirtschaftsleben sich um die künstlichen politischen Grenzen einfach nicht kümmert. Der Neubau des Bahnhofs (1893), der damals übrigens auch als architektonisches Kunstwerk betrachtet wurde (!), und die Thüringer Gewerbe- und Industrieausstellung (1894) brachten diese überragende wirtschaftliche Stellung Erfurts zum Ausdruck, und als Oberbürgermeister Dr. Schmidt am 1. Dezember 1895 sein Amt antrat, fand er eine Stadt vor, die -- etwas verspätet -- in raschen Sprüngen die lange versäumte Entwicklung zur Modernisierung im Sinne des 19. Jahrhunderts nachzuholen suchte und selbstgefällig auf die neuen „Prachtstraßenu” im Löberaußenviertel (Bismarck-, Schiller-, Daberstedter und Arnstädter Straße) und auf die „Prachtbauten” hinwies, mit denen die neue Zeit das vornehm-ruhige Gesicht des alten Angers „verschönte”.

So stark und unaufhaltsam war der Zustrom in die aufblühende Stadt, daß die Bautätigkeit dem Wohnungsbedürfnis nicht rasch genug folgen konnte, und 1899 eine Wohnungsnot eintrat, die einige Jahre dauerte und im A. A. lebhaft erörtert wurde. Das neue Jahrhundert brachte dann die Verbesserung des Straßenpflasters, die Kanalisation, die Errichttung des Elektrizitätswerkes, die Ausgestaltung der städtischen Gartenanlagen und des Straßenbahnnetzes, die Schaffung von monumentalen Brücken, die Umgestaltung der Daberstedter Schanze zu einem Schmuckpark, den Bau zahlreicher neuer Stadlviertel, die Eingemeindung von Ilversgehofen.

Mittel gegen Cholera

Mittel gegen Cholera

Erf. Allg. Anz. 1866, Nr. 188

 

In dieser gewaltigen, nur wenige Jahrzehnte umfassenden Entwicklung war der Allgemeine Anzeiger ein hervorragender, nicht fortzudenkender Faktor im öffentlichen Leben der Stadt. Gewiß, er wurde von ihr getragen, aber er hat auch seinerseits auf sie eingewirkt und sie kräftig gefördert. Stets maßvoll und vermittelnd, hat er doch an seinem Teile dazu beigetragen, der Bürgerschaft die Notwendigkeit und den Nutzen all der großen und kostspieligen Neuerungen, die sogar -- etwas Unerhörtes -- die Aufnahme von Stadtanleihen nötig machten, immer wieder darzulegen, und dabei doch nicht versäumt, als Wächter der öffentlichen Meinung da rücksichtslos auf Schäden und Unzuträglichkeiten hinzuweisen, wo solche vorhanden waren.

Erleichtert wurde ihm diese Ausgabe durch die politische Parteilosigkeit (wenigstens innerhalb der bürgerlichen Parteisphäre), die streng beobachtet wurde und ihn daher unabhängig machte von allen Rücksichten auf bestimmte Gruppen oder Koterien. Darin lag die Kraft seiner Wirksamkeit, die ihn befähigte, lange Zeit hindurch der Ausdruck und das Gewissen der öffentlichen Meinung in Erfurt zu sein.

Eine solche Wirksamkeit war natürlich nur dann möglich, wenn die alte, über drei Jahrzehnte hindurch festgehaltene Form des bloßen Anzeigenblattes aufgegeben wurde. Das geschah 1882, allerdings nicht gleich in radikalem Bruch mit der Vergangenheit, sondern vorsichtig, in Etappen.

Vom 1. Januar 1882 ab erschien das Blatt, zur Überraschung der Erfurter, mit Text. In der Begründung heißt es, die Neuerung sei eingeführt, um die Leser „in möglichster Kürze mit den Ereignissen bekannt zu machen, die entweder die ganze gebildete Welt in Bewegung setzen, oder innerhalb der Grenzen unseres Vaterlandes berechtigte Bedeutung haben, oder aber in dem engen Rahmen unserer thüringischen Heimat von Interesse sind.”

Danach gliederte sich der Text der Zeitung in vier Abschnitte: 1. Politisches, 2. Provinz und Nachbarstaaten 3. Lokales, 4. Vermischtes. Dazu kam, anfangs noch sehr bescheiden, eine Rubrik „Handel und Verkehr” und selbstverständlich -- unterm Strich -- der übliche Roman. Dieser lediglich referierende Inhalt wurde aber hie und da auch schon durch seine Leitartikel und zusammenfassende politische Wochenübersichten unterbrochen, die der neu angestellte Redakteur Philipp Kühner verfaßte. Wie vorsichtig man war, geht daraus hervor, daß man trotz der durch die Neugestaltung bedingten Mehrkosten keine Erhöhung des Bezugsgeldes und der Anzeigengebühr den Lesern und Inserenten zuzumuten wagte. Auch trat der Text im äußeren Bilde der Zeitung noch bescheiden zurück; die ersten beiden Seiten blieben immer noch den amtlichen Bekanntmachungen und Anzeigen vorbehalten. Der Charakter des Anzeigenblattes sollte offenbar durchaus gewahrt bleiben. Ganz unabhängig davon wurde nach wie vor (seit 1872) ein wöchentlich erscheinendes Unterhaltungsblatt, der „Thüringer Hausfreund”, den Lesern geboten, das wertvolle literarische und zeichnerische Beiträge enthielt und erst 1911 nach fast vierzigjährigem Bestehen einging, um dann vom 1. Oktober 1913 bis Ende März 1920 durch die „Illustrierte Weltschau” nicht ganz gleichwertig ersetzt zu werden.

Die zweite Etappe der nun zwangsläufigen Entwicklung zur großen Zeitung fällt in das Jahr 1884. Am 1. April dieses Jahres gingen Druckerei und Verlag in die Hand von Georg Richters über. Damit begann eine neue Epoche des Aufstiegs, verständnisvoll gefördert von dem am 1. Februar an Kühners Stelle eingetretenen Redakteur Wilhelm Forberg, der nun über dreißig Jahre die Leitung des Blattes inne hatte, anfangs allein, dann allmählich unterstützt von Mitarbeitern, unter denen Karl Söllner und Ludwig Rohmann in erster Linie zu nennen wären. Der A. A., dessen Auflage von 7000 (1882) auf über 10000 gestiegen war, baute nunmehr den redaktionellen Teil weiter aus, vor allem durch direkte telegraphische Nachrichten und eigene Korrespondenzen. Auch sonst wurde der Text reicher und mannigfaltiger gestaltet. An der politischen Parteilosigkeit hielt man natürlich fest; „strengste Objektivität und Unparteilichkeit versprach die Schriftleitung wiederholt ihren Lesern.

Die Cholera wütet in Erfurt!

Die Cholera wütet in Erfurt!

Erf. Allg. Anz. 1866, Nr. 211

Wie man sich um 1866 die Cholera vorstellte

Wie man sich um 1866 die Cholera vorstellte

Erf. Allg. Anz. 1866, Nr. 174

 

So ging es unaufhaltsam vorwärts und aufwärts. Die Auslage stieg von Jahr zu Jahr: 1886 betrug sie 12000, 1891 schon 17000 (nur in der schweren Wirtschaftskrise von 1892 zeigte sich ein kleiner Rückgang); 1896 erreichte sie 22 000, 1900 schon 30000. Vom November 1887 an führte die Zeitung den Untertitel „Amtliches Organ für den Stadtkreis Erfurt, und am 1. Oktober 1900 konnte man dazu übergehen, eine Lokal-Abendausgabe einzuführen, das Blatt also täglich zweimal erscheinen zu lassen. Aber freilich-- immer noch erschienen die Anzeigen als das Wesentliche, da die beiden ersten Seiten ihnen nach wie vor eingeräumt blieben und der Text erst auf der dritten Seite begann.

Diesem auf die Dauer unhaltbaren Zustand wurde erst in der dritten Etappe der Entwicklung des Blattes, am 1. Januar 1892, ein Ende gemacht. Der Text begann nunmehr gleich auf der ersten Seite, die Anzeigen wurden an die zweite Stelle gerückt, und so erschien das Blatt jetzt auch äußerlich in dem Gewande einer großen politischen Zeitung, zu der es sich seinem Inhalt nach teils schon ausgebildet hatte, teils im nächsten Jahrzehnt mit vollem Erfolg sich zu entwickeln bestrebt war. Die politische Stellung des Blattes kam in dem Untertitel „Unabhängige nationale Tageszeitung”, der am 1. April 1905 zugleich mit einer nochmaligen Vergrößerung des Formates eingeführt wurde, zu klarem Ausdruck.

Dieser großen, an Abonnentenzahl stets wachsenden, technisch und inhaltlich immer weiter ausgebauten, durch den starken Anzeigenteil finanziell gegen jede Gefahr geschützten Zeitung gegenüber vermochten die übrigen bürgerlichen Blätter Erfurts, auch die Neugründungen, sich auf die Dauer nicht zu halten, und als am 30. März 1913 auch die alte „Thüringer Zeitung” einging, hatte der Allgemeine Anzeiger in Erfurt eine Monopolstellung, da die „Tribüne” (seit 1890) als sozialdemokratisches Organ damals nicht als Konkurrent einer bürgerlichen Zeitung angesehen wurde.

2.  Zeitung und geistige Kultur.

Mit der äußeren Entwicklung Erfurts zur modernen Großstadt, hatte die geistige nicht gleichen Schritt halten können.

Die alte ruhmvolle Tradition der Universität war längst erloschen. Der Boden einer aus kleinstädtischen Verhältnissen sich eben erst zu neuer materieller Bedeutung emporringenden Stadt war zunächst für das Wachstum einer geistigen und künstlerischen Kultur nicht günstig.

Mann war noch zu stark Emporkömmling, noch zu ausschließlich mit den Freuden und Sorgen des Erwerbs beschäftigt, um für die feineren Kulturgenüsse Muße und Verständnis aufzubringen.

Nur die Musik machte eine, aus alter, guter Überlieferung beruhende Ausnahme.

Das Denkmal im Hirschgarten

Das Denkmal im Hirschgarten.

Erf. Allg. Anz. 1875, Nr. 207.

In allem übrigen war Erfurt stets ein bißchen zurück. Zwar wurde 1886 das Städtische Museum eröffnet, niemand konnte damals ahnen, welch eine blühende Zukunft nach zwei Jahrzehnten diesem Kunstinstitut beschieden sein sollte --, aber die Ausstellungen des an Stelle des großen Thüringer Vereins getretenen Erfurter Kunstvereins brachten nur gleichgültiges Mittelgut im Geschmack einer schon vergangenen Epoche, und als der Verfasser im Herbst 1901 einen Vortrag über „Moderne religiöse Kunst” (Uhde usw.) hielt, mußte er erleben, daß die Erfurter dem Impressionismus, der doch schon seit über fünfzehn Jahren da war und sich läugst durchgesetzt hatte, noch gänzlich hilflos und daher ablehnend gegenüberstanden. Gute Werke bildender Kunst zu kaufen, lag noch außerhalb des Geschmacks und des Willens selbst solcher Bürger, die finanziell sehr wohl in der Lage dazu gewesen wären.

Auf dem Gebiet der Literatur die nämliche Erscheinung. Der gleichfalls 1886 gegründete „Verein der Literaturfreunde” entfaltete in den ersten Jahren seines Bestehens nur eine bescheidene, in erster Linie den Klassikern gewidmete Tätigkeit, und wandte sich erst seit 1905 mit Entschiedenheit der für Erfurt damals noch modernen Kunst des Impressionismus und Naturalismus zu, nicht ohne darum mannigfache Anfeindungen zu erfahren.

Am sinnfälligsten aber zeigte sich die Kultureinstellung der damaligen Erfurter beim Theater. Die Aktiengesellschaft, die seit 1878 mit der Weimarer Truppe zweimal wöchentlich Schauspiele und hier und da auch Operetten und Spielopern aufführte, vermochte nur wenige Jahre das Interesse der Erfurter zu fesseln. Schon seit 1886 lebte das Theater nur von wechselnden Gastspielen der Ensembles von Gotha, Sondershausen, ja von Dresden und München, Halle und Leipzig, Oldenburg und Wien, die natürlich nur das gangbare, d. h. in den Durchschnittsgeschmack des Publikums fallende Dramengut brachten, in dem Wildenbruch und Björnson als Oasen in der Wüste erschienen (am 8. Januar 1884 war übrigens Wildenbruch bei der Aufführung seines heute längst vergessenen Lustspiels „Der König von Kandia” persönlich zugegen.) Erst 1899 durften die Erfurter einen Hauch der damals modernen

Titelseite des „Thüringer Hausfreund”

Titelseite des „Thüringer Hausfreund”

Die im Jahre 1872 gegründte Beilage des Anzeigers

Der Anzeiger verspricht Text

Der Anzeiger verspricht Text

Erf. Allg. Anz. 1882, Nr. 1

Raritäten auf dem Friedrich-Wilhelm-Platz

Raritäten auf dem Friedrich-Wilhelm-Platz

Erf. Allg. Anz. 1866, Nr. 29

dramatischen Kunst verspüren: Ibsens „Stützen der Gesellschaft” wurde von den Gothaern gegeben und im A. A. mit vorsichtiger Zurückhaltung besprochen; 1892 folgte dann die leidenschaftlich bekämpfte „Nora”, die natürlich nicht nach Form und künstlerischem Gehalt, sondern nach Stoff und Tendenz beurteilt wurde. Die Oper brachte bessere Kunst; 1887 wurden,, Don Juan”, „Preziosa” und „Carmen”, 1890 sogar Glucks „Orpheus und Eurydice” von den Gothaern aufgeführt und fanden volle Häuser. Auf Wagner mußte Erfurt freilich noch immer verzichten.

Seit Beginn der neunziger Jahre wurde im Theater nur noch sporadisch gespielt; andere Bühnen drängten sich in den Vordergrund: ein „Interims-Stadttheater” in der Kartause, eine „Premierenbühne deutscher Autoren”, die natürlich auch nur unbekannte, unbedeutende Namen brachte und bald der Sensation verfiel („Leonore, die Grabesbraut oder der Todesritt”), ein „Volksschauspielhaus” aus der Löbergera, ja sogar ein „Parodietheater”, das bezeichnenderweise eine Parodie von Sudermanns „Ehre” eher aufführte, als das Werk selbst in Erfurt aufgeführt wurde.

Von allen diesen Bühnen kam nur dem Volksschauspielhaus eine gewisse Bedeutung zu. Hier wurde im Dezember 1890 Sudermanns „Ehre” gegeben und sechsmal wiederholt; später folgten „Sodoms Ende” und „Heimat”. Neben den gangbaren Lustspielen, Possen und Operetten kamen immerhin auch Schiller, Shakespeare, Grillparzer und Wildenbruch zu Wort; aber auch die dramatisierte Marlitt ging hier in Erfurt noch mehrere Male über die Bretter.

Angesichts dieser Zustände fühlte man nun doch endlich, daß die werdende Großstadt die Verpflichtung habe, sich auch um die Bühne zu bekümmern. Am 1. Juli 1892 wurde die Theatervereins-Aktiengesellschaft aufgelöst; die Stadt kaufte das Theater und baute es mit Hilfe ansehnlicher Stiftungen wohlhabender Bürger aus, um es als Stadttheater mit städtischer Beihilfe wieder aufleben zu lassen. Das geschah im Herbst 1894. Die Eröffnung am 15. September war ein festliches Ereignis für Erfurt. In Masse drängten sich die Erfurter zum Abonnement, und Direktor Bekker belohnte dies Vertrauen durch Ausstellung von Spielplänen, die zum ersten Male seit langer Zeit einen anständigen Durchschnitt mit gutem künstlerischen Einschlag zeigten. Jetzt konnte man endlich auch Wagner in Erfurt sehen: 1895 „Tannhäuser”, 1898 „Die Meistersinger” und „Rienzi”, 1899 die „Walküre”. Im Schauspiel wurden die Klassiker nicht vernachlässigt, die gangbaren zeitgenössischen Lustspiele bevorzugt, die Sensations- und Rührstücke nicht ganz beiseite gelassen.

Von den Modernen bevorzugte man Sudermann; fast alle seine Dramen gingen allmählich über die Erfurter Bühne. Der führende und tiefere Dramatiker aber, der eigentliche Künstler, Gerhart Hauptmann, wurde hier mit stärkstem Mißtrauen und Ablehnung empfangen. Zwar war schon 1897 seine „Versunkene Glocke” aufgeführt worden, aber als 1899 ein Gast sich „Fuhrmann Henschel” und den „Biberpelz” aussuchte, wies das sonst fast stets ausverkaufte Theater zum ersten Male seit Jahren „klaffende Lücken” auf, und der Kritiker des A. A. erklärte das milde und vorsichtig, aber zustimmend damit, daß „der talentvolle Führer der Moderne hier noch immer eine nur kleine Gemeinde hat und seine Werke nicht nach jedermanns Geschmack sind”. In Wahrheit stand es so, daß das Erfurter Publikum hier ein wenig versagte und Weizen von der Spreu nicht zu unterscheiden vermochte, weil dieser Weizen etwas anders aussah, als man gewohnt war.

Thusnelda hat Geburtstag

Thusnelda hat Geburtstag

Erf. Allg. Anz. 1865, Nr. 170

 

Zu allen diesen Darbietungen der Musik, der Literatur, der bildenden Kunst, des Theaters hat der Allgemeine Anzeiger damals Stellung genommen, aber doch in einer Art, die zeigte, daß man diesen Dingen eigentlich nur einen beschränkten Wert beimaß, und daß man vor allem den Geschmack des Publikums ruhig gelten ließ, ja, ihn vielfach zum Maßstab nahm. Infolgedessen war die Kritik fast immer wohlwollend, stets nur referierend. Man merkt, daß die Kritiker, mit anderen Arbeiten belastet, meist nicht die nötige Zeit und Liebe auf die Referate verwenden konnten, vor allem aber, daß sie keine engere Fühlung hatten mit dem großen Strome der lebendigen, ringenden künstlerischen Kräfte der Gegenwart.

Das wurde zuerst anders, als Redslob 1912 die Direktion des Städtischen Museums übernahm und nun in Erfurt mit seinen aus Förderung der jungen zeitgenössischen Kunst gerichteten Bestrebungen auf denselben Widerstand stieß, den man seinerzeit dem Impreffionismus und Naturalismus gegenüber geleistet hatte. Es bleibt ein hervorragendes Verdienst des Allgemeinen Anzeigers, daß er von vornherein die junge, moderne Bewegung in der bildenden Kunst unterstützt und überhaupt alles getan hat, um die zukunftsreiche Entwicklung des Städtischen Museums zu fördern und das Publikum zum Verständnis für Arbeit und Ziele des jungen Direktors zu erziehen.

3.  Das letzte Jahrzehnt.

Der Weltkrieg stellte, wie alle deutschen Zeitungen, so auch den Allgemeinen Anzeiger, der mit seinen etwa 40 000 Abonnenten in glänzendem Aufstieg war, vor neue Aufgaben, aber auch vor bisher unbekannte Schwierigkeiten, die mit Zensur, Mangel an Papier, Arbeitskräften und Ersatzmaterial genugsam gekennzeichnet sind. Die Lokalabendausgabe mußte z. B. aus Papiermangel am 3. Oktober 1917 eingestellt werden.

Noch stärker war dann freilich die Einwirkung der Revolution vom November 1918, die der alten Staatsordnung ein Ende machte, die bisherige Wirtschaftsordnung stark beeinflußte und heftige soziale Erschütterungen mit sich brachte. Nicht nur, daß man sich inhaltlich mit der neuen Bewegung befassen mußte, die ohne Widerstand zum Siege gekommen war, daß man mit wachsender Papierknappheit zu kämpfen und täglich mit der Möglichkeit von Arbeitseinstellungen zu rechnen hatte -- einmal konnte die Zeitung infolgedessen vierzehn Tage lang nicht erscheinen --, daß bei der steigenden Verarmung des bürgerlichen Mittelstandes und der zunehmenden Geldentwertung ein gewinnbringendes Arbeiten immer schwerer wurde, es erwuchsen auch sonst Schwierigkeiten über Schwierigkeiten, an denen weniger gutgeleitete und fundierte Zeitungen zu vielen Hunderten zugrunde gingen. An Mut und Selbstvertrauen fehlte es nicht, aber nun galt es doch, alle Kräfte anzuspannen und vor allem, nicht nur passiv auf die möglichst verlustlose Erhaltung der bisherigen Stellung und Bedeutung hinzuarbeiten, sondern vielmehr aktiv den Forderungen der Zeit entgegenzukommen und neue Wege einzuschlagen.

Eine neue Grußform...

Eine neue Grußform...

Erf. Allg. Anz. 1875, Nr. 57

... die Beifall findet

... die Beifall findet

Erf. Allg. Anz. 1875, Nr. 60

 

Beides geschah. Ein ganzer Stab von Redakteuren zog in das große, graue Haus in der Johannesstraße ein und sorgte dafür, daß jedes der zahlreichem Einzelgebiete einer modernen Zeitung einen fachgebildeten Bearbeiter hatte. Als im Jahre 1919 die Nationalversammlung in Weimar tagte, wurde dort eine eigene Schriftleitung eingerichtet, die dann dauernd bestehen blieb. Hatte man doch jetzt die Absicht, sich in stärkerem Maße als bisher auch Thüringen zu erobern. Diese Tendenz kam schlagend und äußerst wirkungsvoll in der Änderung des Namens zum Ausdruck: der nun schon fast siebzigjährige Titel „Erfurter Allgemeiner Anzeiger” wurde am 1. Februar 1919 in „Thüringer Allgemeine Zeitung” umgewandelt, ersterer blieb nur noch als Untertitel bestehen.

Boshafte Gratulanten

Boshafte Gratulanten

Erf. Allg. Anz. 1873, Nr. 22

 

Aber man wollte auch mit Berlin, dem Zentrum der deutscheu Politik, in engste Fühlung kommen. So wurde auch dort 1919 eine eigene Schriftleitung eingerichtet, die es ermöglichste, eigene, von anderen unabhängige Nachrichten schnell und zuverlässig zu erhalten und zu veröffentlichen.

Auch auf dem Gebiet der geistigen Kultur hat die Zeitung ihre Führerschaft bewiesen. Aus der klaren Erkenntnis heraus, daß eine moderne Zeitung nur dann wirken und etwas bedeuten kann, wenn sie auch in allen Kulturfragen nicht nur in der Vergangenheit lebt, sondern auch am sausenden Webstuhl des modernen Lebens der Gegenwart steht, finden jetzt alle starken und zukunstsreichen Strömungen in der Kunst unserer Tage volles Verständnis und werden bewußt gefördert. Man erinnere sich nur der Haltung der Zeitung in dem Kampf um die Neubesetzung der Stelle des Erfurter Museums-Direktors und in den sich daran anschließenden Fragen der Museums- und Kunstvereins-Organisation. Der alte „Anzeiger” ist darin wieder jung geworden, und es ist eine Freude, zu sehen, wie er hier Hand in Hand geht mit all den Kräften, die in Erfurt und Thüringen in gleicher Richtung wirksam und tätig sind. Allenthalben spürt man den belebenden, kräftigenden und fördernden Hauch dieses neuen Geistes, in der Stellung zur Musik, zur bildenden Kunst, zur Literatur, nicht am wenigsten zum Theater.

Dieses frische, jugendliche Streben, diese unausgesetzte, zielsichere Arbeit, dies harte Ringen unter Einsetzung und Anspannung aller geistigen und materiellen Kräfte, hat seinen Lohn gesundem Heute, nach sieben Jahren dieses Kampfes, hat die Thür. Allg. Ztg. nicht nur ihre alte Bezieherzahl, die sie vor dem Kriege hatte, wieder erreicht und längst überschritten, nicht nur ihre frühere Bedeutung gewahrt, sondern sie ist zu einer modernen Zeitung großen Stils geworden.