Aus dem Tagebuch der Geraldine von Hochheim

Heute ist der 4. Juli l994. Es sind 33° im Schatten und ich will mit Gewalt zum Geburtstag von Trautchen,

meiner kleinen Schwester, die meinen Schwager Karl geheiratet hat.

Mein Erich liegt im Krankenhaus und ich wollte ihn eigentlich besuchen, ehe ich zur Geburtstagsvisite gehe. Nun habe ich mich aber entschlossen, mir eine Taxe vor die Haustür zu bestellen, um gleich direkt auf den Roten Stein zu fahren, damit ich in dem Ozonloch keinen Schritt zu viel laufen muß. Denn ich möchte ja noch ein bißchen leben. Der Erich braucht mich doch. Er wäre ja dann so allein und hätte dann keinen Ansatzpunkt mehr um sein Leben so spannend wie möglich zu gestalten.

Also, die Taxe kam und der Fahrer machte mich darauf aufmerksam, daß er bei der Hitze nicht mehr so richtig beieinander ist. Ich dachte so bei mir, da passen wir gut zusammen. Die Autositze waren die blanken Folterstühle. Es waren, wie man so schön sagt, "Heiße Stühle". Und nun ging's durch die heiße Stadt mit vielen heißen Staus. Vorsichtshalber hatte ich mir einen kalten Waschlappen eingesteckt, falls mir die Birne platzt. Aber ich brauchte ihn nicht. Ich war versucht, ihn dem Fahrer ins Genick zu hängen. Der wäre sicher erfreut gewesen. Aber ich traute mich nicht. Und dabei ist es die natürlichste Sache, sich einen nassen kalten Lappen ins Genick oder sonstwohin zu hängen, um sich vor Natureinflüssen zu schützen. Die Natur macht ja auch was sie will.

Und dann waren wir am Roten Stein Nr. 4 angekommen. Ich kroch aus der Blechsauna und wurde schon an der Gartentür von meiner Lieblingsschwester begrüßt. Oben am Küchenfenster stand Schwager Karl mit der Nancy, der kleinen Salonlöwin und forderte sie auf, mich zu begrüßen. Nancy bellte aber nicht, sondern lachte mich mit ihren Hundeaugen, und sicher auch mit dem wackelnden Schwänzchen (daß ich nur ahnen konnte) an.

Als wir dann endlich im Wohnzimmer, nach Gratulation, ankamen, mußte erst geklärt werden, ob 29° oder 24° Wärme in der Stube seien. Die Brillen mußten her, und es stellte sich heraus, daß Karl Recht hatte. Es waren 24°.

Kaffee wurde im "Grünen Salon" getrunken, als Uschi, was meine sympathische Nichte ist, endlich angekommen war. Sooo lange mußte ich warten, um endlich in den leckeren Rhabarberkuchen beißen zu können, der mich saftend herausforderte. Den trocknen Kuchen haben wir links liegengelassen, den konnten sie alleine essen. Vergessen habe ich zu erwähnen, wie herrlich es war den "Grünen Salon" zu betreten. Er war kühl, wie eine Höhle. Wir fühlten uns so richtig wohl, wir Vier. Mal so schön gemütlich ein Schwätzchen zu machen. Der arme Karl alleine mit drei Weibsen. Er hat sich gut gehalten. Er hat’s geschafft, die Oberhand zu behalten. Es ist ein toller Recke. Einer gegen drei raffinierte Schlangen, die ihm immer wieder ins Wort fielen. Aber, wie gesagt, er behielt die Oberhand! Und teilweise so stark, daß Nancy Ordnung schaffen mußte. Sie hat ihn streng und scharf des Platzes verwiesen. Dann kam der Höhepunkt der Geburtstagsparty! Es sollte mit Sekt angestoßen werden! Draußen zog ein kräftiges Gewitter auf. Vier schöne Lampen im Raum! Eine schöner als die andere. Da es durch das Gewitter im Raum dämmrig wurde, schaltete Karl eine der schönen Lampen an. Uschi stand auf und schaltete eine, meiner Meinung nach die günstigere Lampe an. Dann versuchte Karl es noch mit einer Stehlampe und die war dann kaputt und die mußte dann von Karl repariert werden. Und das alles, während munter Reden dieses Treiben begleiteten. Uschi gab nicht auf und bestand in stiller Weise auf der Lampe mit dem angenehmsten Licht. Und dann ging’s los! Das Anstoßen und das Gewitter! Traudchen fühlte sich verpflichtet vorher, während die Gläser schon erhoben waren eine feierliche Geburtsgedächtnisrede zu beginnen: "Bei meiner Geburt war auch ein schweres Gewitter.?.!." Bum - Krach! Das mühsam zurechtgerückte Licht war aus! Es war noch aus, als Uschi und ich uns auf den Heimweg machten.

Nach diesem Krach und Bum ging’s abermals los, um wieder Licht in die gemütliche Klause zu bringen. Während ich das so schreibe, muß ich feststellen, daß diese gemütliche Party hauptsächlich vom "Licht in die Hütte bringen" geprägt war. Das müßte doch bedeuten, daß es ein gutes Omen für das nächste Jahr ist, für alle Beteiligten. Es zeigt, daß am Ende eines jeden Tunnels Licht ist. In diesem Haus waren sämtliche Leuchten vom Anfang bis Ende der Party in Betrieb. Von der Taschenlampe, Petroleumlampe, Streichhölzern und Kerzen usw. in Betrieb! Es gab keine einzige Leuchte, die nicht in Betrieb war. Eingeschlossen wir Vier! Wir waren die größten Leuchten! Einer übertraf den anderen mit seinen Geistesblitzen (wieder was Leuchtendes). Es wird uns Vieren immer im Gedächtnis bleiben. Außerdem gab es bei der feierlichen Beleuchtung ein hervorragendes Abendessen. Das Geburtstagskind hat einen der Hitze entsprechenden Nudelsalat und entsprechende Beilagen gezaubert. Auch dabei hatten wir viel Spaß. z.B. hatte ich angenommen, daß mir was entgeht, und wollte ausprobieren, was in einem Schälchen, das so vor sich hinschlummerte, enthalten war. Uns siehe da, es waren Bröckchen, die für Nancy vorbereitet waren, also Hundefutter, das Nancy zwischendurch unter den Tisch gereicht wurde. Dabei bin ich doch gar nicht so verfressen, wie sie mich immer machen! Ja, ja ich bin und bleibe ein verkanntes Genie! Als wir dann vom Schnaken und Lachen genug hatten, und zudem noch satt waren, machten Uschi und ich uns durch die frische, klare Luft auf den Heimweg. Ein beeindruckender Geburtstag, der 4. Juli 1994! Hauptregisseur das Wetter und was wir daraus gemacht haben.